„And the win­ner is … das mBook.“

And the win­ner is … das mBook.“

Das mBook des Insti­tuts für digi­ta­les Ler­nen hat den eBook Award 2015 gewon­nen, der auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se ver­ge­ben wird. Damit schließt sich für die Initia­to­ren und Mit­ar­bei­ter die­ses Pro­jekts zunächst ein Kreis, der von den ers­ten Pro­jket­ide­en, über deren Rea­li­sie­rung im Pro­dukt und des­sen Imple­men­tie­rung in den schu­li­schen All­tag bis zur öffent­li­chen Aner­ken­nung reicht. Im Früh­jahr war das mBook bereits für den auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­ge­be­nen Preis „Schul­buch des Jah­res“ des Georg-Eckert-Insti­tuts nomi­niert.

Inno­va­ti­on in Schu­len ist mög­lich
Reflek­tiert man nun mit Blick auf die brei­te öffent­li­che Aner­ken­nung des mBooks und sei­nen Erfolg bei Leh­rern wie Schü­lern den Weg und die bestim­men­den Fak­to­ren die­ses Pro­jekts, las­sen sich Schlüs­se für die Zukunft zie­hen.
Zum einen zeigt sich, wie groß das Bedürf­nis nach einer Wei­ter­ent­wick­lung der Lehr- und Lern­mit­tel auf allen Ebe­nen ist: Die Nut­zer (Schü­ler und Leh­rer) wol­len Schul­bü­cher, deren inhalt­li­che Argu­men­ta­tio­nen vom Para­dig­ma der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung getra­gen wer­den. Sie wol­len neue Fra­gen stel­len und sich auf den Weg nach eige­nen Erkennt­nis­sen machen. Sie wol­len die weit­ge­hend anre­gungs­frei­en und her­aus­for­de­rungs­lo­sen, bis zum Über­druss bekann­ten Dar­stel­lungs­kon­ven­tio­nen ana­lo­ger Schul­bü­cher hin­ter sich las­sen. Sie schät­zen moder­nes Gra­fik­de­sign und digi­ta­le Arbeits­mit­tel. Sie suchen nach einer zeit­ge­mä­ßen Medi­en­päd­ago­gik, die nicht im Tro­cken­schwim­men schlecht gemach­ter ‚Inter­net­füh­rer­schei­ne’ hän­gen bleibt, son­dern es ermög­licht, den Umgang mit (digi­ta­len) Medi­en an Inhal­ten zu erler­nen und anzu­wen­den.

All­tags­taug­lich­keit statt Test-Pro­jek­te
Die Nut­zer wol­len end­lich die Pha­se ver­ein­zel­ter, zeit­lich wie räum­lich begrenz­ter Test­mo­du­le und Pro­jekt­chen hin­ter sich las­sen und all­tags­taug­li­che, mit den Aus­stat­tungs­si­tua­tio­nen der Schu­len kom­pa­ti­ble Leit­me­di­en zum Ein­satz brin­gen, die einen lehr­plan­ba­sier­ten Unter­richt über gan­ze Schul­jah­re tra­gen.
Sie ver­lan­gen, dass Fach­wis­sen­schaft­ler, Bil­dungs­for­scher, Schul­ver­wal­tun­gen und Bil­dungs­me­di­en­pro­du­zen­ten ihre geis­ti­ge Klein­staa­te­rei auf­ge­ben und end­lich im Diens­te der Unter­richts- und Schul­ent­wick­lung mit ihnen zusam­men­ar­bei­ten. Statt sich klamm­heim­lich von der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung zu ver­ab­schie­den[1], soll­ten alle Betei­lig­ten end­lich die Chan­cen der digi­ta­len Revo­lu­ti­on sehen und anfan­gen, sie zu gestal­ten. Nur dann wer­den sie Erfolg haben – zusam­men und jeder für sich.

mBook als Motor der Unter­richts­ent­wick­lung
Die For­de­run­gen von Leh­rern und Schü­lern sind Teil der mBook-Kon­zep­ti­on und das Insti­tut für digi­ta­les Ler­nen (IdL) hat sich auf den Weg gemacht, sie umzu­set­zen. Dabei behaup­ten wir nicht, das „idea­le Schul­buch“ (J. Rüsen) ent­deckt zu haben; wor­auf alle Autoren, Didak­ti­ker, Lay­ou­ter, Gra­fi­ker, Infor­ma­ti­ker und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gen des IdL aber in der Tat stolz sein kön­nen ist, dass sie – gegen manch­mal erheb­li­che Wider­stän­de – ers­te Pfa­de gelegt haben, auf denen man wei­ter­ge­hen kann.
Die didak­ti­schen Ver­bes­se­run­gen und Syn­er­gie­ef­fek­te, orga­ni­sa­to­ri­schen Erleich­te­run­gen und Hebel­wir­kun­gen des mBooks im All­tag sind groß. So reflek­tie­ren es Schü­ler und Leh­rer. Nur drei Bei­spie­le: Ein mul­ti­me­dia­les Schul­buch­an­ge­bot zu haben, das reich­lich Mög­lich­kei­ten für Erwei­te­run­gen und Ver­tie­fun­gen bie­tet und die tag­täg­li­che Jagd nach wenigs­tens halb­wegs pas­sen­den Mate­ria­li­en sowie Pro­jek­ti­ons- und Hal­te­rungs­ge­rä­ten im Schul­all­tag deut­lich abmil­dert, schafft erheb­li­che orga­ni­sa­to­ri­sche Erleich­te­run­gen. Dar­über hin­aus ent­ste­hen Ver­bes­se­run­gen und Syn­er­gie­ef­fek­te im Ler­nen: Bild­li­che und text­li­che Nar­ra­tio­nen las­sen sich mit­ein­an­der ver­glei­chen, Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät kann end­lich auch anhand des Lehr und Lern­ma­te­ri­als auf­ge­zeigt wer­den, Aus­wahl­ent­schei­dun­gen wer­den trans­pa­rent. Die Hebel­wir­kun­gen des mBooks sind eben­falls deut­lich zu sehen, etwa, wenn sich Schu­len mit För­der­ver­ei­nen und Schul­trä­gern auf den Weg machen, tech­ni­sche Aus­stat­tun­gen zu ver­bes­sern, weil sie jetzt wis­sen wofür.[2] Der umge­kehr­te Weg, erst Tech­nik, dann die Fra­ge nach dem Inhalt, ist sinn­los. Lei­der wur­de gera­de die­ser Weg in der Ver­gan­gen­heit nur all zu oft beschrit­ten und das hat bei Leh­rern und Schü­lern immer wie­der zu Ent­mu­ti­gun­gen geführt und vie­le sinn­vol­le Ide­en unnö­tig des­avou­iert.

Books in Brow­ser als Zukunfts­mo­dell
Die Jury des ebook-Awards weist auf die fle­xi­blen Mög­lich­kei­ten der tech­ni­schen Umset­zung des mBooks hin: „Basie­rend auf einem ela­bo­rier­ten didak­ti­schen Kon­zept wur­den die Lehr­plan-Inhal­te in tex­tu­el­ler Dar­stel­lung zusam­men mit mul­ti­me­dia­len Ergän­zun­gen, Lern­ma­te­ria­li­en, Ori­gi­nal­quel­len und Arbeits­auf­ga­ben kom­bi­niert und über eine eigens ent­wi­ckel­te Web-Anwen­dung ver­füg­bar gemacht.“[3] Der Books-in-Brow­ser-Ansatz ist gera­de für die Schu­len eine attrak­ti­ve Mög­lich­keit, trotz unter­schied­li­cher tech­ni­scher Vor­aus­set­zun­gen die digi­ta­le Welt sinn­voll zu nut­zen. Es braucht kei­ne spe­zi­el­len Lese­ge­rä­te, Soft­ware­vor­aus­set­zun­gen oder Gerä­te­ty­pen. Das mBook funk­tio­niert auf jedem Gerät, das über einen Brow­ser ver­fügt. Es lässt sich online und off­line nut­zen. Es bie­tet idea­le Mög­lich­kei­ten zur Inte­gra­ti­on unter­schied­li­cher media­ler Nar­ra­tio­nen und lässt sich mit Blick auf die Hand­ha­bung so nied­rig­schwel­lig gestal­ten, dass tech­nik­fer­ne­re Nut­zer sehr schnell dazu bewo­gen wer­den kön­nen, es in ihre Arbeits­vor­gän­ge zu inte­grie­ren.
Die­ser tech­ni­sche Ansatz ist nicht zuletzt für die Buch­bran­che ins­ge­samt attrak­tiv. Auch grö­ße­re Publi­kums­ver­la­ge kämp­fen nicht sel­ten mit ähn­li­chen oder sogar mit den glei­chen Pro­ble­men wie die Schu­len. Noch Ende des letz­ten Jah­res konn­te man von Kol­le­gen wäh­rend der E‑publish auf die Fra­ge, war­um der Books-in-Brow­ser-Ansatz ange­sichts der viel­fäl­ti­gen ästhe­ti­schen Ein­schrän­kun­gen und Kom­pa­ti­bi­li­täts­pro­ble­me im E‑Re­ader-Bereich nicht viel offen­si­ver genutzt wird, die ver­wirr­te Ant­wort bekom­men: „Ja, aber dann ist es ja kein Buch mehr.“ Nur, so mei­ne Nach­fra­gen: Ist es wirk­lich not­wen­dig, ana­lo­ge Stan­dards der Buch­de­fi­ni­ti­on mit digi­ta­len Mit­teln nach­zu­bil­den? War­um und für wen soll­te man das machen? Und ist die­ses Fest­hal­ten an ana­lo­gen Stan­dards tat­säch­lich die Grund­la­ge für bes­se­re Geschäf­te in der (digi­ta­len) Buch­bran­che?

Fazit: Die digi­ta­le Buch­welt erfor­dert ernst­haf­te Refor­men in der Orga­ni­sa­ti­on von Buch­pro­duk­ti­on und ‑imple­men­tie­rung
Eini­ge Kol­le­gen der Buch­bran­che dis­ku­tier­ten wäh­rend der letz­ten E‑publish in Ber­lin die Fra­ge, ob man den Absatz digi­ta­ler Bücher nicht mit tra­di­tio­nel­len Wer­be­maß­nah­men ankur­beln könn­te. So wur­de u.a. auch ein But­ton ins Spiel gebracht, der die Bot­schaft „Con­tent insi­de“ an die Leser brin­gen soll­te.[4]
So merk­wür­dig sol­che Ide­en zunächst erschei­nen, sie ver­wei­sen auf ein Pro­blem, das nicht nur der Schul­buch­be­reich hat: das sek­to­ra­le Den­ken. Die Berei­che Inhalts­pro­duk­ti­on, Ver­trieb, Wer­bung und Kun­den­be­treu­ung arbei­ten struk­tu­rell nicht so kon­se­quent und dau­er­haft zusam­men wie es nötig wäre, um blei­ben­den Markt­er­folg zu haben.
Digi­ta­li­tät ist jedoch nicht nur eine Tech­nik, die für jeden Betei­lig­ten bestimm­te Ände­run­gen an Arbeits­mit­teln und Arbeits­wei­sen her­vor­bringt; Digi­ta­li­tät führt zu einer Revo­lu­ti­on all unse­rer Lebens­voll­zü­ge. Und die­se Revo­lu­ti­on bringt es mit sich, dass die Medi­en­welt ver­netz­ter, kom­mu­ni­ka­ti­ver, syn­er­ge­ti­scher, kol­lek­ti­ver, trans­pa­ren­ter und direk­ter wird. Dar­aus folgt, dass der Kon­takt von Autoren, Ver­lags­mit­ar­bei­tern, Buch­händ­lern und Nut­zern enger sein muss und jeder für den Bereich des ande­ren mit­ver­ant­wort­lich ist. Ins­be­son­de­re im Schul­buch­be­reich soll­ten die Akteu­re sich noch kla­rer machen, dass „eine kun­den­ori­en­tier­te Pro­dukt­ent­wick­lung und Markt­be­ar­bei­tung […] in dyna­mi­schen Käu­fer­märk­ten eine Selbst­ver­ständ­lich­keit“ wer­den muss. „Dies reflek­tie­ren auch ein­schlä­gi­ge Ent­wick­lungs­me­tho­den wie das Design Thin­king und der Human Cen­te­red Design Pro­cess. Im Kon­text der Digi­ta­li­sie­rung von Medi­en­pro­duk­ten rückt ange­sichts der ver­hal­te­nen Zah­lungs­be­reit­schaft ein Teil­as­pekt in der Vor­der­grund: der (wahr­ge­nom­me­ne) Pro­dukt­nut­zen. Nur wenn der Pro­dukt­nut­zen höher als bei kos­ten­lo­sen Ange­bo­ten wahr­ge­nom­men wird, ent­steht eine Zah­lungs­be­reit­schaft.“[5]
Medi­en­kon­ver­genz ist eben kei­ne tech­ni­sche Fra­ge allein, sie hat erheb­li­che Wir­kun­gen auf Pro­duk­ti­ons­or­ga­ni­sa­ti­on, Berufs­feld­de­fi­ni­ti­on und Medi­en­kom­mu­ni­ka­ti­on. In die Arbeit am mBook-Pro­jekt des Insti­tuts für digi­ta­les Ler­nen sind vie­le die­ser Aspek­te bereits ein­be­zo­gen wor­den, und des­halb ist es so inno­va­tiv.

[1] Hell­muth, Tho­mas: Über Kom­pe­ten­zen – oder doch eher: Wie wär’s mit Bil­dung?, in: Public Histo­ry Wee­kly 3 (2015) 27DOI:dx.doi.org/10.1515/phw-2015 – 4536.
[2] Sie­he dazu etwa fol­gen­de Infor­ma­tio­nen: http://xn--institut-fr-digitales-lernen-b7c.de/startseite/presse/ [18.10.2015] sowie Mar­cus Ventz­ke und Ber­na­det­te Thie­len, NRW 4.0: Ent­wick­lung und Erpro­bung digi­ta­ler Schul­bü­cher – Das Bei­spiel mBook NRW, in: Schu­le NRW. Amts­blatt des Minis­te­ri­ums für Schu­le und Wei­ter­bil­dung, 67 Jg., Nr. 3 (2015), S. 113 – 115.
[3] http://www.buchreport.de/nachrichten/online/online_nachricht/datum/2015/10/15/digitale-impulse-kommen-von-aussen.htm [17.10.2015].
[4] http://www.swop-exchange.de/konferenzen/epublish-2014/kongress/programm.html?programmid=602 [18.10.2015].
[5] Okke Schlü­ter, WS-04 Bene­fit Publi­shing – Letzt­lich ver­le­gen wir Kun­den­nut­zen (E‑Publish 2014, 06.11.2014, in: http://www.swop-exchange.de/konferenzen/epublish-2014/kongress/programm.html?programmid=591 [18.10.2015].

Bericht­erstat­tung

http://blogs.faz.net/buchmesse/2015/10/15/so-schlecht-geht-es-den-e-books-gar-nicht-685/

http://www.donaukurier.de/lokales/kurzmeldungen/eichstaett/Eichstaett-E-Book-Award-geht-nach-Eichstaett;art74356,3135048

http://www.buchreport.de/nachrichten/online/online_nachricht/datum/2015/10/15/digitale-impulse-kommen-von-aussen.htm

http://www.boersenblatt.net/artikel-elektronisches_auf_der_buchmesse.1037239.html

http://www.dpc-consulting.org/angekommen-in-digitalien-der-zweite-deutsche-ebook-award-auf-der-fbm15/

http://www.ku.de/presse/pi/einzelansicht/article/mbook-geschichte-erhaelt-deutschen-ebook-award/

Schul­bü­cher für die mul­ti­kul­tu­rel­le Gesell­schaft

Schul­bü­cher für die mul­ti­kul­tu­rel­le Gesell­schaft

Ein Bericht von der Tagung ‚Diver­si­ty und Migra­ti­on in Lern­mit­teln’ in Düs­sel­dorf

Die Fehl­stel­le Diver­si­tät wirft ein Schlag­licht auf die Män­gel schu­li­schen (Geschichts-)unterrichts
Die gera­de ver­öf­fent­lich­te Schul­buch­stu­die Migra­ti­on und Inte­gra­ti­on des Georg-Eckert-Insti­tuts für inter­na­tio­na­le Schul­buch­for­schung hat Ver­la­gen, Schul­au­toren, Leh­rern und Leh­rer­bild­nern eini­ges ins Stamm­buch geschrie­ben: Eine didak­tisch anre­gen­de und mora­lisch hin­nehm­ba­re Dar­stel­lung des The­mas Migra­ti­on – immer­hin eines der grund­le­gen­den The­men mensch­li­cher Gesell­schaf­ten, ihrer stän­di­gen Ver­än­de­rung und Ent­wick­lung – gelingt fach­über­grei­fend nicht.

Fächert man das Spek­trum der Ursa­chen die­ses Ver­sa­gens für das Fach Geschich­te auf, so kommt man sehr schnell auf meh­re­re, für alle Betei­lig­ten nicht gera­de schmei­chel­haf­te Pro­blem­zu­sam­men­hän­gen:

  • Wir haben kei­ne Spra­che, um die Phä­no­me­ne der Migra­ti­on ange­mes­sen zu erfas­sen und zu beschrei­ben und in his­to­ri­sche Nar­ra­tio­nen sinn­voll zu inte­grie­ren.

Vor­herr­schend ist hin­ge­gen

  • die Fest­le­gung der „Aus­län­der“, „Armuts­flücht­lin­ge“ oder „Gast­ar­bei­ter“ auf Rol­len­kli­schees;
  • ein defi­zit­fi­xier­tes Her­an­ge­hen, das Migra­ti­on aus Sicht einer schein­ba­ren Mehr­heits­ge­sell­schaft beschreibt und eine kon­flikt­be­la­de­ne Dicho­to­mie von ‚wir’ und ‚die’ erzeugt;
  • eine unkri­ti­sche Über­nah­me poli­ti­scher Kor­rekt­hei­ten, die nicht zum Den­ken anregt;
  • ein tie­fer Spalt zwi­schen Lehr­ma­te­ri­al und Unter­richts­di­dak­tik;
  • eine fach­li­che Fixie­rung auf die Tra­di­tio­nen der deut­schen Geschichts­schrei­bung und ‑for­schung, die ver­hin­dert, dass benach­bar­te Bezugs­wis­sen­schaf­ten berück­sich­tigt wer­den;
  • eine unre­flek­tier­te Fort­set­zung alt­be­kann­ter Schul­buch­tra­di­tio­nen, die das Schul­buch nach wie vor als Ver­laut­ba­rung des staat­lich appro­bier­ten, ‚rich­ti­gen’ Wis­sens ver­steht, statt als Platt­form, die fach­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on anregt, Ori­en­tie­rungs­an­läs­se schafft und eigen­stän­di­ge Urteils­bil­dung her­aus­for­dert;
  • der Unwil­len oder die Unfä­hig­keit, Diver­si­tät als ein anthro­po­lo­gisch begründ­ba­res Grund­ver­hält­nis des Lebens auf­zu­grei­fen und in allen zurück­lie­gen­den Epo­chen auf­zu­zei­gen;
  • ein bis­lang weit­ge­hend feh­len­des Durch­den­ken, Akzep­tie­ren und Gestal­ten der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung als para­dig­ma­ti­scher Wan­del, der eben nicht nur sek­to­ra­le Aus­wir­kun­gen hat, son­dern nicht zuletzt auf die Art und Wei­se der Schul­buch­ge­stal­tung wir­ken muss.

Die Lis­te lie­ße sich lan­ge fort­füh­ren. Sie mar­kiert all die Unter­las­sungs­sün­den, Denk­faul­hei­ten und büro­kra­ti­schen Ver­rie­ge­lun­gen, unter denen Geschichts­un­ter­richt als Teil des öffent­li­chen Umgangs mit Geschich­te lei­det. Und sie ver­deut­licht, war­um die schu­li­sche Befas­sung mit Geschich­te nicht den Platz im Kon­zert geschichts­kul­tu­rel­ler Akteu­re ein­neh­men kann, der ihr – gemes­sen an Res­sour­cen­ein­satz und gesell­schaft­li­cher Bedeu­tungs­zu­schrei­bung – zuste­hen wür­de.

Para­do­xi­en des Geschichts­un­ter­richts
Einer­seits beschwö­ren alle Betei­lig­ten, dass sie Schü­ler zu selbst­den­ken­den Men­schen for­men wol­len, ande­rer­seits erwar­tet man, dass Lehr­plä­ne, Schul­bü­cher und Leh­rer die Ver­kün­dungs­or­ga­ne der einen, ‚rich­ti­gen’ und damit sta­ti­schen ‚Erkennt­nis’ sind. (Eltern sind dabei nicht sel­ten an vor­ders­ter Front zu fin­den, denn sie ver­lan­gen gera­de im Fach Geschich­te, das ja doch wohl ein ‚Lern­fach’ sei, kei­ne Erkennt­nis­se, son­dern Erkennt­nisend­gül­tig­keit.)

Einer­seits wol­len alle welt­of­fen und tole­rant sein, ande­rer­seits sind die Akteu­re des Bil­dungs­we­sens oft genug nicht in der Lage, den natio­nal­staat­li­chen Erzähl­rah­men als Kon­struk­ti­on trans­pa­rent zu machen und sich, wo es sinn­voll und nötig erscheint, von ihm zu lösen.

Einer­seits ist Deutsch­land de fac­to ein Ein­wan­de­rungs­land, ande­rer­seits tun wir so, als habe eine schein­bar homo­ge­ne Mehr­heits­ge­sell­schaft den Auf­trag, sich mit pater­na­lis­ti­scher Hal­tung bedau­ernd und the­ra­pie­rend an die „ent­wur­zel­ten“, „hei­mat­lo­sen“ und von „Pro­ble­men erdrück­ten“ „Frem­den“ zu wen­den, um von ihnen Anpas­sungs­leis­tun­gen an ein Deutsch­sein zu ver­lan­gen, das jedoch in der deut­schen All­tags­rea­li­tät der Gegen­wart allen­falls eine bil­dungs­hu­be­risch-roman­ti­sche Fik­ti­on ist.

Einer­seits soll die Schu­le lebens­nah sein, um die Befas­sung mit den The­men des Lehr­plans und der Schul­bü­cher nicht zu rei­ner Tro­cken­schwim­me­rei ver­kom­men zu las­sen, ande­rer­seits haben wir oft Angst vor den dann nöti­gen, offe­nen Debat­ten im Unter­richt, die sich mit den poli­ti­schen, mora­li­schen und öko­no­mi­schen Her­aus­for­de­run­gen und Pro­ble­men der Gegen­wart befas­sen.

Einer­seits soll­ten wir, wie die Diver­si­ty-Edu­ca­ti­on prä­gnant her­vor­hebt, die Indi­vi­dua­li­tät mensch­li­cher Ent­wick­lun­gen und Prä­gun­gen ernst neh­men, ande­rer­seits wei­gern wir uns, his­to­ri­sche Nar­ra­tio­nen trans­pa­rent zu machen und jene Schü­ler, die sich mit ihnen aus­ein­an­der­set­zen sol­len, in Schul­bü­chern direkt anzu­spre­chen.

Einer­seits haben wir angeb­lich ver­stan­den, dass Men­schen kon­stru­ie­rend die Welt gestal­ten und sie deu­tend nar­ra­ti­vie­ren, ande­rer­seits tun wir so, als hät­ten z.B. bestimm­te For­men kul­tu­rel­ler Bedeu­tungs­kon­struk­te objek­ti­ve Qua­li­tät mit Ewig­keits­cha­rak­ter und müss­ten daher nicht nach Funk­tio­nen, Kon­tex­ten und Reich­wei­ten befragt wer­den. Sol­che Kul­tur­kon­struk­te haben – auf wel­chem Wege auch immer – offen­bar die sakro­sank­te Posi­ti­on einer „Leit­kul­tur“ (Th. Som­mer) erlangt, nach der sich Men­schen zu rich­ten haben.

Not­wen­dig­kei­ten
Diver­si­tät darf nicht als Son­der­phä­no­men auf­ge­fasst wer­den, das sich addi­tiv und fakul­ta­tiv anspre­chen lässt, nach­dem die angeb­li­chen ‚Grund­la­gen’ der poli­ti­schen Haupt- und Staats­ak­tio­nen erschöp­fend behan­delt wur­den. Viel­mehr ist Diver­si­tät ein Grund­sach­ver­halt mensch­li­chen Lebens, der sich in einer immer wie­der von Men­schen gemach­ten Erfah­rung der Unter­schei­dung des Einen und des Ande­ren, des Eige­nen und des Frem­den aus­drückt. Und die­se Erfah­rung besteht eben nicht nur zwi­schen einer ver­meint­lich indi­ge­nen, kul­tu­rell homo­ge­nen und eth­nisch rei­nen Mehr­heits­ge­sell­schaft und jenen „Flücht­lings­strö­men“, „Migran­ten­wel­len“ oder „Asyl­flu­ten“, die sie schein­bar bedro­hen, son­dern in allen Unter­schied­lich­kei­ten, die zwi­schen Alten und Jun­gen, Ossis und Wes­sis, Reli­giö­sen und Nicht­re­li­giö­sen, Arbeits­neh­mern und Arbeit­ge­bern, Mono­lin­gua­len und Mul­ti­lin­gua­len, kör­per­lich Beein­träch­tig­ten und Nicht-Beein­träch­tig­ten, Män­nern und Frau­en, Gebil­de­ten und Unge­bil­de­ten etc. ent­ste­hen.

Unter­schied­lich­keit immer nur als Pro­blem zu begrei­fen, statt sie auch als Berei­che­rung und Anre­gung auf­zu­neh­men, offen­bart die Men­ta­li­tät einer Gesell­schaft, deren gro­ßes Seh­nen nach Unver­än­der­lich­keit, Sicher­heit, Ver­läss­lich­keit und Ver­ein­fa­chung inzwi­schen aus allen gesell­schaft­li­chen Poren dringt.

Wie es nicht gehen kann und was hel­fen wür­de
Die­sem Seh­nen ent­spricht im Bereich der Schul­buch­ge­stal­tung das Fest­hal­ten an den Denk- und Hand­lungs­wei­sen einer ana­lo­gen Welt, die mit der Wei­ge­rung ein­her­geht, von den Regeln und Gren­zen der Buch­for­ma­te und Druck­sei­ten zu las­sen.

Und so rech­net man zur Ver­fü­gung ste­hen­de Buch­sei­ten aus und teilt sie – nach aktu­ell erahn­ten, öffent­li­chen Auf­merk­sam­kei­ten – den ‚zu berück­sich­ti­gen­den’ Benachteiligten‑, Migrations‑, Opfer- oder sons­ti­gen ‚Pro­blem­grup­pen’ zu. Und jeder die­ser Grup­pen kann man dann ‚lei­der’ auch nur sehr kurz Erwäh­nung tun; Haupt­sa­che, die Stich­wor­te sind bedient. Über­dies müs­sen wir uns, trotz aller Dring­lich­keit, natür­lich auch in Geduld üben, weil die nächs­te papier­ge­bun­de­ne Schul­buch­ge­nera­ti­on noch eine Wei­le auf sich war­ten las­sen kann.

Lie­be Mit­strei­ter: So geht es nicht! Das kann auch jeder leicht erken­nen, der die Augen auf­macht.

Die Mög­lich­kei­ten der Digi­ta­li­tät könn­ten hin­ge­gen an die­ser Stel­le einen ech­ten Mehr­wert bie­ten:

  • Wenn das The­ma Diver­si­tät unbe­strit­ten doch so wich­tig und dring­lich ist, war­um nut­zen wir zum Bei­spiel die schnel­le Ver­än­der­bar­keit digi­ta­ler Medi­en nicht? Digi­ta­le Schul­bü­cher las­sen sich prak­tisch ohne Zeit­ver­zug aktua­li­sie­ren und erwei­tern. Und sie bie­ten damit die Chan­ce, zeit­nah auf drän­gen­de Her­aus­for­de­run­gen und Ori­en­tie­rungs­an­läs­se ein­zu­ge­hen, weil sich bestimm­te didak­ti­sche Insze­nie­run­gen und kon­kre­te Bei­spie­le aus­tau­schen las­sen.
  • War­um behar­ren wir auf der kogni­ti­ven Ein­sei­tig­keit und der mono­me­dia­len Ver­en­gung auf druck­ba­re Tex­te und eini­ge (weni­ge) Bil­der, wenn die Medi­en Film und Audio auf digi­ta­lem Weg in ein Schul­buch inte­grier­bar und in der Lage sind, emo­tio­na­le oder ästhe­ti­sche Zugän­ge zu Diver­si­täts­phä­no­me­nen zu eröff­nen? Diver­si­tät drückt sich eben nicht immer in deut­scher Spra­che und archiv­ba­sier­ten Text­kon­ven­tio­nen aus.
  • War­um nut­zen wir die Varia­bi­li­tät digi­ta­ler Dar­stel­lungs­for­men nicht, wenn es dar­um geht, Autoren­tex­te trans­pa­rent zu machen, etwa in der Kom­bi­na­ti­on mit Autoren­vi­de­os, wie dies im mul­ti­me­dia­len Geschichts­buch (mBook) modell­haft gezeigt wur­de?
  • War­um spre­chen wir Schü­ler im Schul­buch nicht direkt an und machen ihnen mit den Mit­teln digi­ta­ler Tech­nik die roten Fäden der ihnen vor­lie­gen­den Schul­buchnar­ra­tio­nen deut­lich?
  • War­um nut­zen wir die Chan­cen digi­ta­ler Instru­men­te nicht, wenn es doch not­wen­dig ist, die Viel­falt metho­di­scher Ver­fah­ren zur de-kon­stru­ie­ren­den Erschlie­ßung von Nar­ra­tio­nen zu erhö­hen?
  • War­um bie­ten wir nicht eine viel grö­ße­re Dif­fe­ren­zie­rung von Mate­ria­li­en an, wie dies im digi­ta­len Raum – etwa durch die Nut­zung meh­re­rer Ebe­nen – mög­lich wäre? Ver­schie­de­ne Stu­fen didak­tisch redu­zier­ter und nach bestimm­ten Kri­te­ri­en auf­ge­schlüs­sel­ter Quel­len und Dar­stel­lun­gen könn­ten hel­fen, Wahr­neh­mungs­bar­rie­ren zu sen­ken und sich The­men zuzu­wen­den, denen man sich bis­lang nicht zuge­wandt hat.
  • Diver­si­tät macht die Hete­ro­ge­ni­tät mensch­li­chen Lebens deut­lich. Die­se Hete­ro­ge­ni­tät braucht fach­lich und fach­di­dak­tisch ange­mes­se­ne Räu­me. Sie lässt sich im (poten­ti­ell unend­li­chen) digi­ta­len Raum umset­zen, ohne Schul­bü­cher zu auf­ge­bläh­ten und unor­ga­ni­sier­ten Mate­ri­al­samm­lun­gen zu machen.

Eini­ge der oben beschrie­ben Tech­ni­ken und Metho­den kann man im Pro­be­ka­pi­tel des mBooks zum Ers­ten Welt­krieg nach­voll­zie­hen.

Fazit

Erich Käst­ners Rat an die Schü­ler, den Schul­bü­chern „gele­gent­lich“ zu miss­trau­en, weil sie auf einem reak­tio­nä­ren Tra­di­tio­na­lis­mus beru­hen, ist heu­te so aktu­ell wie zu Beginn der 1950er Jah­re. Die Kluft zwi­schen einer digi­tal-media­len Gegen­wart, in der Schü­ler wie Leh­rer sich bewe­gen, und der Rea­li­tät des ana­lo­gen Schul­buchs, mit dem Schü­ler und Leh­rer umge­hen müs­sen, scha­det der Akzep­tanz und der Rele­vanz des Fach­un­ter­richts, denn Inhalt und Dar­rei­chungs­form die­ses ana­lo­gen Buchs erzeu­gen Miss­trau­en und Abwen­dung, wenn sich mit ihm Para­do­xi­en ver­bin­den, die eine Errei­chung der Bil­dungs­zie­le nicht erleich­tern, son­dern sie behin­dern. Das aller­dings gilt für alle Schul­bü­cher, nicht nur für die des Fachs Geschich­te.

Die gefähr­li­che Eksta­se der Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung — eine Pole­mik

Die gefähr­li­che Eksta­se der Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung — eine Pole­mik

Digi­ta­li­sie­rung als Chan­ce zur Unter­richts­ver­bes­se­rung wahr­neh­men wol­len — oder nicht?

Tablets im Unter­richt allein brin­gen kei­ne Ver­bes­se­rung der Bil­dung. Wer mit digi­ta­len Tech­ni­ken unter­rich­ten will, muss Inhalt, didak­ti­sches Kon­zept und Tech­nik zusam­men­füh­ren. Dar­an arbei­ten vie­le Leu­te in die­sem Land. Wer sich im OER-Bereich umsieht, wer die Ent­wick­lung des ers­ten mul­ti­me­dia­len und digi­ta­len Schul­buchs (mBook) in Deutsch­land ver­folgt hat, wer die Arbeit mit Lern­platt­for­men und mehr­ka­na­li­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­ge­bo­ten kennt, der weiß, wie inten­siv Leh­rer, Didak­ti­ker, Bil­dungs­for­scher, Tech­ni­ker und auch vie­le Bil­dungs­po­li­ti­ker an der Zukunft von Unter­richt und Schu­le arbei­ten. Wie schön wäre es, wenn es da ein wenig Zuspruch und Opti­mis­mus gäbe. Wenigs­tens Fair­ness wäre ange­bracht, auch und gera­de von den Leu­ten, die für öffent­li­che Debat­ten in die­sem Land beruf­lich Ver­ant­wor­tung tra­gen. Was wir jedoch oft­mals sehen und lesen, hat nichts mit Opti­mis­mus und Fair­ness zu tun, denn es gibt Pro­ble­me. Und offen­bar ist es zu reiz­voll, die­se Pro­ble­me für den satt­sam bekann­ten Erre­gungs­jour­na­lis­mus aus­zu­nut­zen. Jour­na­lis­ten tun das lei­der immer wie­der, und sie erge­hen sich dann mit­un­ter in einem simp­len Kri­ti­kas­ter­tum. Im letz­ten Cice­ro etwa wur­de eine angeb­li­che “Tablet-Eksta­se der Schul­po­li­tik” an den Pran­ger gestellt .

Digi­ta­li­sie­rung der Bil­dung als jour­na­lis­ti­sches The­ma
Abge­se­hen davon, dass man von Eksta­se nun wirk­lich nicht spre­chen kann, ange­sichts einer Hand­voll Modell- und Test­klas­sen, ist die Grund­hal­tung sol­cher Bei­trä­ge ein­fach nicht fair. Sicher funk­tio­niert nicht alles rei­bungs­los, sicher gibt es auch Gefah­ren. Aber, so sei erlaubt zu fra­gen: Wo gibt es Gefah­ren eigent­lich nicht im Leben – digi­tal wie ana­log? Auch bei Jour­na­lis­ten ist offen­bar ein fun­dier­te­rer Blick auf die spe­zi­fi­schen Nut­zungs­mög­lich­kei­ten didak­tisch und fach­in­halt­lich geform­ter Medi­en- und Digi­tal­an­ge­bo­te nötig. Dazu reicht es übri­gens nicht, den Abge­klär­ten zu geben, weil man einen Twit­ter-Account hat. Digi­ta­le und medi­en­päd­ago­gi­sche Ange­bo­te im Unter­richt haben inzwi­schen eben deut­lich mehr zu bie­ten als ein­fach nur die Ver­bin­dung mit dem Inter­net her­zu­stel­len. Und daher ist es eben auch viel zu kurz gesprun­gen, im Ton des gelang­weil­ten Bes­ser­wis­ser­tums pau­scha­le Ver­ur­tei­lun­gen vor­zu­neh­men. Der Ton stimmt gera­de bei Herrn Fül­ler nicht. Sein Bei­trag kann von Lesern, die sich nicht jeden Tag im Krei­se der Blog-Gemein­de bewe­gen, so ver­stan­den wer­den, als gehe es ihm vor allem dar­um, das dump­fe Unwohl­sein einer altern­den Gesell­schaft zu bedie­nen, für die das Inter­net “Neu­land” (A. Mer­kel) ist. Wie wer­den wohl tech­nik­skep­ti­sche Kol­le­gen an den Schu­len reagie­ren, wenn sie sol­che Bei­trä­ge lesen?
Und wer hat eigent­lich behaup­tet, dass die Digi­ta­li­sie­rung eine Erlö­sung ist? Bei Scho­pen­hau­er kann man ler­nen, wie man argu­men­tie­ren muss, um ande­re Leu­te in eine bestimm­te Ecke zu stel­len. Herrn Fül­lers Beweg­grün­de, der gegen die angeb­li­che “Tablet-Eksta­se” anschreibt und Orwell­sche Sze­na­ri­en an die Wand malt, sind mir nicht bekannt. Fül­ler inter­pre­tiert jeden­falls einen Bei­trag der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Sas­kia Esken zur digi­ta­len Bil­dung in einer gera­de­zu atem­be­rau­bend ver­dreh­ten Wei­se und unter­stellt ihr dabei recht unver­blümt Hybris, Kar­rie­ris­mus, Plan­lo­sig­keit. Doch abge­se­hen davon bleibt die Fra­ge, was jour­na­lis­ti­sches Gewar­ne und Geme­cke­re in Sachen Digi­ta­li­sie­rung mit den Her­aus­for­de­run­gen zu tun hat, vor denen wir ste­hen?

Bil­dungs­dis­kur­se als ver­gan­gen­heits­be­zo­ge­ne Pseu­do-Zukunft oder Visi­on des Neu­en?
Bil­dung ist wie Fuss­ball: Alle haben Ahnung, abends, auf dem Sofa sit­zend, beim Bier. Alle sind Bun­des­trai­ner. Pro­ble­ma­tisch ist nur, dass sich fast alle Leu­te dabei zuerst immer auf die eige­nen Schul­er­fah­run­gen bezie­hen, die nicht sel­ten Jahr­zehn­te zurück­lie­gen. Und weil Schu­le eben damals den Ziel- und Orga­ni­sa­ti­ons­vor­stel­lun­gen des Anstalts­staats ent­sprach, wird im ver­klä­ren­den Rück­blick die ‘gute alte Zeit’ in die Gegen­wart und Zukunft ver­län­gert. Nach dem Mot­to: ‘Was damals gut war, kann heu­te nicht schlecht sein!’ Sol­che Ein­stel­lun­gen müs­sen wir mit Opti­mis­mus und Hin­wen­dung ver­än­dern.
Wir kön­nen näm­lich nicht so tun, als lie­ße sich die Zukunft auf der Grund­la­ge von Fehl­schlüs­sen und Vor­ur­tei­len gewin­nen. Kann sein, dass sich man­che Mei­nungs­ma­cher, Ver­bands­ver­tre­ter und soge­nann­te ‘Bil­dungs­ex­per­ten’ nicht über den typisch deut­schen Kirch­turm­ho­ri­zont erhe­ben kön­nen. Frau Esken und der Bun­des­tags­aus­schuss Digi­ta­le Agen­da aber neh­men abseits und trotz die­ser Klein­geis­te­rei nicht nur den Reform­wil­len Hum­boldts auf, bei des­sen ach so neu­mo­di­schen Ide­en das Estab­lish­ment vor 200 Jah­ren auch geglaubt hat, der Unter­gang des Abend­lan­des müs­se bevor­ste­hen, die Leu­te in die­sem Aus­schuss wis­sen außer­dem, was in den moder­nen Natio­nen die­ser Welt in Sachen Bil­dung gera­de läuft.

Deut­scher Still­stand und inter­na­tio­na­le Ent­wick­lun­gen
Eine in wei­ten Tei­len unin­for­mier­te, bil­dungs­fer­ne und mit­un­ter schlicht absur­de Debat­te, wie sie hier, im Land der Rea­li­täts­ver­wei­ge­rer, geführt wird, löst nicht nur in den Boom-Län­dern Asi­ens, son­dern auch in vie­len unse­rer Nach­bar­län­der Kopf­schüt­teln aus. Man sehe sich die mil­li­ar­den­schwe­ren Digi­ta­li­sie­rungs­pro­gram­me in Süd­ko­rea oder der Tür­kei an. Man sehe auf das Bil­dungs­pro­gramm in Polen, wo digi­ta­le Schul­bü­cher in allen Fächern ent­wi­ckelt wer­den etc. Bei uns aber glau­ben man­che Dis­ku­tan­ten alles gesagt zu haben, wenn sie sich über eine ruckeln­de Sky­pe-Ver­bin­dung lus­tig machen kön­nen. Gewollt oder unge­wollt leis­tet man damit genau jenen Res­sen­ti­ments Vor­schub, die – nur etwas plum­per – mit dem Gere­de von der “digi­ta­len Demenz” (M. Spit­zer) bedient wer­den.

Unaus­ge­spro­che­ne Schein­ar­gu­men­te: die Ver­klä­rung der ana­lo­gen Schu­le
Über­dies: Ist denn die ana­lo­ge Schu­le das Non­plus­ul­tra? Ist die Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung ana­log erfolg­reich? Kann die ana­lo­ge Schu­le die Her­aus­for­de­run­gen der Inklu­si­on ohne tech­ni­schen Fort­schritt bewäl­ti­gen? Ermög­li­chen wir denn den Erwerb “intel­li­gen­ten Wis­sens” (F. E. Wei­nert), wenn wir dar­auf behar­ren, dass sich nichts ändern muss? Bekom­men wir in der ana­lo­gen Schu­le tat­säch­lich umfas­send gebil­de­te, kri­tik­fä­hi­ge, ergeb­nis­ori­en­tier­te, sozi­al­kom­pe­ten­te, selbst­or­ga­ni­sier­te Leu­te, die Ver­ant­wor­tung tra­gen wol­len und kön­nen? Mit sol­chen Fra­gen sind doch ganz schnell die Lebens­lü­gen des bis­he­ri­gen Schul­sys­tems mar­kiert. Sei’s drum! In die­sem Land haben die Ver­wal­ter das Sagen, die­je­ni­gen, für die Bil­dung etwas Sta­ti­sches ist, die­je­ni­gen, die ihre ‘Bil­dung’ mit jenem gym­na­sia­len Dün­kel ver­tei­di­gen wol­len, mit dem sie sich schon sei­ner­zeit, beim eige­nen Schul­be­such in der ‘Anstalt’, so woh­lig vom Rest der Welt abge­ho­ben haben. Das Resul­tat ist eine Stim­mung des Still­stands, der Angst vor dem Neu­en und der unqua­li­fi­zier­ten Abwehr guter Ide­en: Wir wol­len um nichts in der Welt etwas ändern am fron­tal geführ­ten Klas­sen­ver­band, der in iso­lier­ten Räu­men hockt, mit Tafel und Krei­de han­tiert, durch Fet­zen­stun­den­plä­ne gehetzt wird und den Nor­mie­rungs­vor­stel­lun­gen des Indus­trie­zeit­al­ters unter­liegt.

Der Bei­trag von Herrn Fül­ler arbei­tet an all die­sen The­men nicht. Er ist ledig­lich selbst­ge­recht, unfair und ver­ant­wor­tungs­los!