Der mGuide für das Töpfereimuseum Raeren — eine multimediale Reise in die Vergangenheit

“Die Raerener Fuhrleute waren tagelang unterwegs, bis sie endlich in Köln waren, denn die Straßen waren schlecht und die Reise gefährlich. Bis in die großen Hafenstädte wurde unser Raerener Steinzeug von ihnen gebracht […]. Eine solche Reise war oft schwieriger als gedacht, denn Straßen und Meere waren unberechenbar.” – Eine Passage aus dem Animationsfilm zum Thema ‘Frühe Globalisierung’ im neuen mGuide des Töpfereimuseums Raeren.

Warentransport war in der Frühen Neuzeit viel unberechenbarer und gefährlicher als heute. Er stellte die erfahrensten Händler, Fuhrleute und Seefahrer tagtäglich vor neue, im Vorfeld kaum abzuschätzende Herausforderungen.

Was die Fuhrleute aus dem limburgischen Ort Raeren transportierten? Steinzeug. Das Raerener Steinzeug war im 16. und 17. Jahrhundert sehr gefragt. Töpfe, Krüge, Vasen oder anderes Geschirr — nahezu für jeden Zweck hatten Raerener Töpfer etwas im Angebot. Sie waren weltweit für ihre hart gebrannten, wasserdichten und geschmacksneutralen Produkte bekannt. Viele Geschichten rankten und ranken sich bis heute um die Herstellung der Gefäße und um den Transport des Steinzeugs in alle Teile der damals bekannten Welt.

Das Töpfereimuseum in Raeren hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Raerener Steinzeug zu sammeln, zu bewahren, zu erforschen und Besuchern zu präsentieren. Dazu gehören auch die faszinierenden Geschichten über eines der High-Tech-Produkte der Frühen Neuzeit. Das Institut für digitales Lernen hat die Inhalte des Museums digital aufbereitet und dafür den mGuide entwickelt — eine multimediale Museums-App, die Museumsobjekte mit ihrem vergangenen oder gegenwärtigen Kontext verbindet.

Der kleine belgische Ort Raeren liegt nahe der deutschen Grenze, 10 km von Aachen entfernt und ist Teil der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens.

Das Töpfereimuseum Raeren

Das Museum präsentiert einen Überblick über die eindrucksvolle Geschichte des Raerener Steinzeugs. Die Sammlung ist in der Burg Raeren aus dem 14. Jahrhundert untergebracht. Ausgestellt werden u.a. Gefäße berühmter Raerener Töpfermeister. Ohne die zweifellos spannenden Geschichten hinter diesen Gefäßen bleiben die Objekte für die meisten Besucher aber stumm und damit langweilig. Also haben wir uns entschieden, den Alltag der Töpfermeister, ihr Leben und Arbeiten mit digitalen Mitteln wieder zum Leben zu erwecken, um die Welt des Raerener Steinzeugs heutigen Besuchern nahezubringen.

Die Wasserburg beherbergt das Töpfereimuseum.
Überall Töpfe: In den Vitrinen des Museums werden die unterschiedlichen Phasen des Raerener Steinzeugs dargestellt.

Ein Museum mit einer Keramikausstellung? Langweilig. — Nicht unbedingt!

Der mGuide zeigt dem Besucher die spannenden Seiten der Steinzeugproduktion, indem er die Objekte u.a. mit den Schritten ihrer Herstellung sowie den Funktionserwartungen und Lebensweisen der Händler und Käufer verbindet. Auf diese Weise entsteht ein tieferer, an vielen Stellen auch persönlicherer Zugang zu den Themen: Wir lassen beispielsweise im mGuide den berühmten Töpfermeister Jan Emmens Mennicken auftreten, der im 16. Jahrhundert lebte. In fiktiven Animations-Geschichten begleitet er die Besucher durch die App und ist gleichzeitig der Erzähler quellenbasierter und gut recherchierter Geschichten zu allen Aspekten des Raerener Steinzeugs. Er führt den Besucher gewissermaßen zurück in die Vergangenheit. Durch ihn wird die Geschichte Raerens vorstellbar, vielseitig erfahrbar, eben wieder ‘lebendig’.

Raerener Steinzeug — das sind keine leblosen, alten Töpfe und Schüsseln. Sie erzählen uns heute von den Formen der Massenproduktion des 16. Jahrhunderts, von abenteuerlichen Seereisen um die ganzen Welt oder den Wirkungen der frühen Globalisierung. Sie erzählen von langen Pilgerfahrten und wilden Trinkgelagen, von medizinischer Technik und Lagerhaltung auf Schiffen, und sie geben uns einen Einblick in die erotischen Fantasien der Menschen der Frühen Neuzeit. Raerener Krüge zeigen uns die beeindruckende Bilderwelt der Konfessionalisierungszeit — mit Comicstrips, Wappen und geheimnissvollen Symbolen.

Erfolgreiches Teamwork mit der Zielgruppe

Das App-Projekt entstand in Zusammenarbeit mit einer Schulklasse aus Eupen (Belgien). Schülerinnen und Schüler sind eine der wichtigsten Zielgruppen der App und waren damit unsere tatkräftigen Mitentwickler. In zwei mehrtägigen Workshops erstellten wir mit ihnen gemeinsam Inhalte, die für jugendliche Besucher spannend sind. Zu Beginn der Workshops führten wird deshalb in die Prinzipien des Geschichtenerzählens ein. Danach erfanden die Schüler eigene Geschichten, entwickelten die Dramaturgie für Videos und gestalteten die dazugehörigen Storyboards.

Nutzung der App im Museum

Die App kann kostenlos für die Smartphone-Betriebssysteme Android und iOS heruntergeladen werden. Außerdem stehen im Museum Leihgeräte zur Verfügung. Die App dient dabei sowohl der Begleitung des Museumsbesuchs als auch der Vor- und Nachbereitung.

App-Marketing: Tue Gutes und rede darüber

Museen, die faszinierende Apps produzieren oder produzieren lassen, sollten für deren Nutzung werben. Apps sind aufwendig zu erstellen, schon ihre Konzepte sind sehr zeit- und kostenintensiv. Daher ist es unser Ziel, dass möglichst viele Besucher und Interessierte auf die App aufmerksam werden und sie herunterladen.
Zum Launch der App möchten wir viele Menschen für den mGuide des Töpfereimuseums Raeren und des Instituts für digitales Lernen begeistern. Dieser Blog-Beitrag ist somit Teil der Marketing-Strategie. Auch auf anderen Plattformen werden Sie etwas über unseren mGuide lesen, hören und sehen können.

Damit bleibt zum Abschluss nur noch unsere Empfehlung an Sie: Laden Sie unseren mGuide herunter, besuchen Sie das Töpfereimuseum Raeren, und begeben Sie sich auf eine Entdeckungsreise in die Vergangenheit …

Der mGuide
Töpfereimuseum Raeren

Ein kleines Museum, spezialisiert auf einen historischen Teilbereich der Keramik, der außer Sammlern und Wissenschaftlern eigentlich niemanden interessiert — und dazu dann eine Museumsapp! Wie passt das zusammen? Tatsächlich ist es so, wie Benjamin Heinz schreibt und wie er es wohl auch im Zuge der Arbeit an der App selbst erlebt hat: Dieses Museum — wie so viele andere auch — hat mehr zu bieten als die vielen “Töpfe” — “Pötte”, wie wir sie in Raeren nennen. Jedes der mehr als 2.000 Objekte hat seinen eigenen Wert — künstlerisch, handwerklich, technisch oder auch antiquarisch. Aber jedes Objekt hat auch eine Geschichte zu erzählen: Die Geschichte von den Menschen, die es herstellten, von deren Lebens- und Arbeitsweisen, von ihren Schwierigkeiten, ihrem Innovationsdrang, ihren wirtschaftlichen Zwängen, ihren familiären Verbindungen usw.. Es sind diese Geschichten hinter der Geschichte, die Ausstellungsobjekte und damit auch ein Museum lebendig werden lassen. Leider sind sie nicht offensichtlich; die Objekte selbst können sie nicht erzählen und so bleiben sie für viele Besucher “tot”. Mit dem relativ neuen Medium der App wird es aber möglich, sie zu vermitteln und jedem Nutzer nach seinen individuellen Wünschen und Vorlieben zur Verfügung zu stellen — vielschichtiger und anschaulicher, als ein Audioguide dies kann. Unter Anleitung und Begleitung von Fachleuten des Museums und des Instituts für digitales Lernen waren es Sekundarschüler, die diese Geschichten herausgekitzelt, formuliert und in bewegte Bilder umgesetzt haben. Dies ist das eigentlich Besondere an diesem Projekt. Sowohl die narrativen Schülervideos als auch die begleitenden Rahmentexte und das Bildmaterial schauen aus dem Blickwinkel und mit den Fragestellungen der Besucher auf die Objekte und ergeben so eine enge Verbindung zur Gegenwart und zu unserer alltäglichen Lebenswelt. Damit wird die “Tupperware des Mittelalters und der Frühen Neuzeit” ein Stück weit lebendiger. Ähnlich den Beiträgen in “wissenschaftlichen” Fernsehmagazinen wie “Galileo”, “Welt der Wunder” oder anderen, lassen uns die verschiedenen Informationsebenen des mGuide einige Dinge besser verstehen: die Produktionsprozesse, die wirtschaftlichen Mechanismen, die Designprinzipien und die Verwendungszwecke des Raerener Steinzeugs. Wir hoffen, dass diese App einen kleinen Beitrag dazu leisten wird, Museum für alle Altersgruppen ein wenig attraktiver zu machen. Ermöglicht wurde sie durch die finanzielle Unterstützung der König Baudouin Stiftung und die ständige Grundlagenfinanzierung des Töpfereimuseums Raeren durch die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens sowie der Gemeinde Raeren. Entstanden ist sie durch eine überaus fruchtbare, bereichernde und unproblematische Zusammenarbeit zwischen dem Töpfereimuseum Raeren, dem Institut für digitales Lernen Eichstätt und den verantwortlichen Lehrern und Schülern der Pater Damian Sekundarschule Eupen. Für beides möchte ich an dieser Stelle einmal meinen aller größten Dank aussprechen.

Ralph Mennicken, Leiter des Töpfereimuseums Raeren, am 01/10/2015

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