Schüler beim digitalen Lernen am Computer; Institut für digitales Lernen

Die gefährliche Ekstase der Realitätsverweigerung — eine Polemik

Digitalisierung als Chance zur Unterrichtsverbesserung wahrnehmen wollen — oder nicht?

Tablets im Unterricht allein bringen keine Verbesserung der Bildung. Wer mit digitalen Techniken unterrichten will, muss Inhalt, didaktisches Konzept und Technik zusammenführen. Daran arbeiten viele Leute in diesem Land. Wer sich im OER-Bereich umsieht, wer die Entwicklung des ersten multimedialen und digitalen Schulbuchs (mBook) in Deutschland verfolgt hat, wer die Arbeit mit Lernplattformen und mehrkanaligen Kommunikationsangeboten kennt, der weiß, wie intensiv Lehrer, Didaktiker, Bildungsforscher, Techniker und auch viele Bildungspolitiker an der Zukunft von Unterricht und Schule arbeiten. Wie schön wäre es, wenn es da ein wenig Zuspruch und Optimismus gäbe. Wenigstens Fairness wäre angebracht, auch und gerade von den Leuten, die für öffentliche Debatten in diesem Land beruflich Verantwortung tragen. Was wir jedoch oftmals sehen und lesen, hat nichts mit Optimismus und Fairness zu tun, denn es gibt Probleme. Und offenbar ist es zu reizvoll, diese Probleme für den sattsam bekannten Erregungsjournalismus auszunutzen. Journalisten tun das leider immer wieder, und sie ergehen sich dann mitunter in einem simplen Kritikastertum. Im letzten Cicero etwa wurde eine angebliche “Tablet-Ekstase der Schulpolitik” an den Pranger gestellt .

Digitalisierung der Bildung als journalistisches Thema

Abgesehen davon, dass man von Ekstase nun wirklich nicht sprechen kann, angesichts einer Handvoll Modell- und Testklassen, ist die Grundhaltung solcher Beiträge einfach nicht fair. Sicher funktioniert nicht alles reibungslos, sicher gibt es auch Gefahren. Aber, so sei erlaubt zu fragen: Wo gibt es Gefahren eigentlich nicht im Leben – digital wie analog? Auch bei Journalisten ist offenbar ein fundierterer Blick auf die spezifischen Nutzungsmöglichkeiten didaktisch und fachinhaltlich geformter Medien- und Digitalangebote nötig. Dazu reicht es übrigens nicht, den Abgeklärten zu geben, weil man einen Twitter-Account hat. Digitale und medienpädagogische Angebote im Unterricht haben inzwischen eben deutlich mehr zu bieten als einfach nur die Verbindung mit dem Internet herzustellen. Und daher ist es eben auch viel zu kurz gesprungen, im Ton des gelangweilten Besserwissertums pauschale Verurteilungen vorzunehmen. Der Ton stimmt gerade bei Herrn Füller nicht. Sein Beitrag kann von Lesern, die sich nicht jeden Tag im Kreise der Blog-Gemeinde bewegen, so verstanden werden, als gehe es ihm vor allem darum, das dumpfe Unwohlsein einer alternden Gesellschaft zu bedienen, für die das Internet “Neuland” (A. Merkel) ist. Wie werden wohl technikskeptische Kollegen an den Schulen reagieren, wenn sie solche Beiträge lesen?
Und wer hat eigentlich behauptet, dass die Digitalisierung eine Erlösung ist? Bei Schopenhauer kann man lernen, wie man argumentieren muss, um andere Leute in eine bestimmte Ecke zu stellen. Herrn Füllers Beweggründe, der gegen die angebliche “Tablet-Ekstase” anschreibt und Orwellsche Szenarien an die Wand malt, sind mir nicht bekannt. Füller interpretiert jedenfalls einen Beitrag der Bundestagsabgeordneten Saskia Esken zur digitalen Bildung in einer geradezu atemberaubend verdrehten Weise und unterstellt ihr dabei recht unverblümt Hybris, Karrierismus, Planlosigkeit. Doch abgesehen davon bleibt die Frage, was journalistisches Gewarne und Gemeckere in Sachen Digitalisierung mit den Herausforderungen zu tun hat, vor denen wir stehen?

Bildungsdiskurse als vergangenheitsbezogene Pseudo-Zukunft oder Vision des Neuen?

Bildung ist wie Fussball: Alle haben Ahnung, abends, auf dem Sofa sitzend, beim Bier. Alle sind Bundestrainer. Problematisch ist nur, dass sich fast alle Leute dabei zuerst immer auf die eigenen Schulerfahrungen beziehen, die nicht selten Jahrzehnte zurückliegen. Und weil Schule eben damals den Ziel- und Organisationsvorstellungen des Anstaltsstaats entsprach, wird im verklärenden Rückblick die ‘gute alte Zeit’ in die Gegenwart und Zukunft verlängert. Nach dem Motto: ‘Was damals gut war, kann heute nicht schlecht sein!’ Solche Einstellungen müssen wir mit Optimismus und Hinwendung verändern.
Wir können nämlich nicht so tun, als ließe sich die Zukunft auf der Grundlage von Fehlschlüssen und Vorurteilen gewinnen. Kann sein, dass sich manche Meinungsmacher, Verbandsvertreter und sogenannte ‘Bildungsexperten’ nicht über den typisch deutschen Kirchturmhorizont erheben können. Frau Esken und der Bundestagsausschuss Digitale Agenda aber nehmen abseits und trotz dieser Kleingeisterei nicht nur den Reformwillen Humboldts auf, bei dessen ach so neumodischen Ideen das Establishment vor 200 Jahren auch geglaubt hat, der Untergang des Abendlandes müsse bevorstehen, die Leute in diesem Ausschuss wissen außerdem, was in den modernen Nationen dieser Welt in Sachen Bildung gerade läuft.

Deutscher Stillstand und internationale Entwicklungen

Eine in weiten Teilen uninformierte, bildungsferne und mitunter schlicht absurde Debatte, wie sie hier, im Land der Realitätsverweigerer, geführt wird, löst nicht nur in den Boom-Ländern Asiens, sondern auch in vielen unserer Nachbarländer Kopfschütteln aus. Man sehe sich die milliardenschweren Digitalisierungsprogramme in Südkorea oder der Türkei an. Man sehe auf das Bildungsprogramm in Polen, wo digitale Schulbücher in allen Fächern entwickelt werden etc. Bei uns aber glauben manche Diskutanten alles gesagt zu haben, wenn sie sich über eine ruckelnde Skype-Verbindung lustig machen können. Gewollt oder ungewollt leistet man damit genau jenen Ressentiments Vorschub, die – nur etwas plumper – mit dem Gerede von der “digitalen Demenz” (M. Spitzer) bedient werden.

Unausgesprochene Scheinargumente: die Verklärung der analogen Schule

Überdies: Ist denn die analoge Schule das Nonplusultra? Ist die Kompetenzorientierung analog erfolgreich? Kann die analoge Schule die Herausforderungen der Inklusion ohne technischen Fortschritt bewältigen? Ermöglichen wir denn den Erwerb “intelligenten Wissens” (F. E. Weinert), wenn wir darauf beharren, dass sich nichts ändern muss? Bekommen wir in der analogen Schule tatsächlich umfassend gebildete, kritikfähige, ergebnisorientierte, sozialkompetente, selbstorganisierte Leute, die Verantwortung tragen wollen und können? Mit solchen Fragen sind doch ganz schnell die Lebenslügen des bisherigen Schulsystems markiert. Sei’s drum! In diesem Land haben die Verwalter das Sagen, diejenigen, für die Bildung etwas Statisches ist, diejenigen, die ihre ‘Bildung’ mit jenem gymnasialen Dünkel verteidigen wollen, mit dem sie sich schon seinerzeit, beim eigenen Schulbesuch in der ‘Anstalt’, so wohlig vom Rest der Welt abgehoben haben. Das Resultat ist eine Stimmung des Stillstands, der Angst vor dem Neuen und der unqualifizierten Abwehr guter Ideen: Wir wollen um nichts in der Welt etwas ändern am frontal geführten Klassenverband, der in isolierten Räumen hockt, mit Tafel und Kreide hantiert, durch Fetzenstundenpläne gehetzt wird und den Normierungsvorstellungen des Industriezeitalters unterliegt.

Der Beitrag von Herrn Füller arbeitet an all diesen Themen nicht. Er ist lediglich selbstgerecht, unfair und verantwortungslos!

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