Schüler beim digitalen Lernen; Institut für digitales Lernen

Digitales Lernen — Mit Schulen statt über Schulen sprechen

Viele Menschen haben Angst davor, dass die digitale Realität des 21. Jahrhunderts auch im bis dato vermeintlich geschützten Klassenzimmer ankommen könnte. Sie halten digitale Geräte für Vorboten seelenloser Roboterlehrer (J. Grossrath). Andere vertreten vehement die Auffassung “Bildschirmmedien machen dick und unaufmerksam, senken die Leistung in der Schule und führen zu mehr Gewalt in der realen Welt (M. Spitzer). Oder man befürchtet, dass die Umsetzung digitalen Lernens im Unterricht aus technischen Gründen nicht realisierbar sei.

Um diesen Vorurteilen und Ängsten nachzugehen sind wir dorthin gegangen, wo diese Fragen täglich virulent sind: in eine Schule.
Die Realschule am Europakanal in Erlangen stellt sich seit 2011 den digitalen Herausforderungen. Über 200 Schüler lernen dort mit Tablets. Die Zielsetzung des Tablet-Unterrichts beschreibt die Schule dabei so: “Wissen ist im Internet heute in vielfältigster Weise vorhanden. Man muss aber lernen, damit umzugehen, es zu strukturieren, zu analysieren und zu präsentieren. Um diese Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts anzubahnen, muss die digitale Lebenswirklichkeit auch in der Schule ankommen. Das iPad bringt den Makrokosmos ‘Welt’ in den Mikrokosmos ‘Schule’! Wir wollen den mündigen Schüler, wir wollen den Schüler, der teamfähig ist, der präsentieren kann – immer auf der Basis eines soliden, nachhaltigen Grundwissens.” (Homepage der Schule)

Wir durften in zwei Doppelstunden Geschichtsunterricht einer 8. und einer 10. Klasse hospitieren. Die Stundenthemen behandelten ‘Napoleon’ sowie die ‘Institutionen der EU’.

Alle Schüler hatten in diesen Unterrichtsstunden ein iPad vor sich liegen. Die notwendigen Materialien wurden über einen öffentlichen Blog zur Verfügung gestellt. Die Lehrer wurden auf diese Weise zu Moderatoren eigenständiger Erkenntnisprozesse. In der Klasse wurde ein mit Apple TV verbundener Beamer genutzt. Die Schüler konnten damit jederzeit, vom eigenen Arbeitsplatz aus und technisch vollkommen problemlos ihre Ergebnisse vor der Klasse präsentieren. Diese Demokratisierung der Tafel bzw. des Beamers entspricht der gesamten Philosophie der Schule: Die digitale Technik wird dazu genutzt, effektiv und kreativ, kollaborativ, eigenverantwortlich und komptenzorientiert zu arbeiten.

Aber in der Praxis funktioniert das alles doch nicht?

Die technische Ausstattung in der Realschule am Europakanal ist schlank, nahezu unsichtbar und effektiv. Die Tablets gehören den Schülern und funktionieren laut Aussagen von Lehrern und Schülern seit vier Jahren problemlos. Technische Ausfälle sind sehr selten. Das WLAN ist stark, gut geschützt und intelligent aufgebaut (zu diesem Thema wird es in Kürze hier einen ausführlichen Bericht geben). Sowohl Lehrer als auch Schüler bestätigten, dass Zeitverlust durch technische Probleme eine absolute Ausnahme ist.

Missbrauch, Mobbing, Ablenkung?

Das Netz in der Schule ist mit Restriktionen belegt. Einige Seiten sind grundsätzlich gesperrt. Zudem wird das Surf-Verhalten der Schüler aufgezeichnet. Die Schüler wissen das. Sie halten sich an die Nutzervereinbarungen, die sie mit der Schule geschlossen haben. In den ersten vier Jahren kam es nur zu einem Fall, der disziplinarisch geahndet werden musste. Laut Aussage der Lehrer sind Probleme in den Nicht-Tablet-Klassen verbreiteter, da dort die Schüler deutlich unkontrollierter auf ihren Smartphones agieren.

Beispiele für gelungenes (digitales) Lernen

Einige wenige Unterrichtsbeispiele aus den beiden Doppelstunden sollen kurz skizziert werden:

  • Erschließung von Karikaturen über die EU:
    Die Karikaturen finden sich im Blog. Mit Hilfe einer App versehen die Schüler einzelne Elemente der Karikaturen mit Kommentaren, weiteren Grafiken oder Videos. Mehrere Gruppen präsentieren im Anschluss ihre Ergebnisse vor der Klasse. Die Qualität der Beiträge ist erstaunlich hoch: Komplexe Themen, wie das derzeitige Flüchtlingsdrama im Mittelmeer, werden differenziert präsentiert und in der Klasse kontrovers diskutiert.
  • Erarbeitung des Konzepts asymmetrischer Kriegführung: Die Schüler ordnen Aussagen über ‘reguläre Truppen’ und ‘Guerillakämpfer’ auf einem ansprechend gestalteten Bild per drag and drop zu. Auf der einen Seite sind die Truppen Napoleons zu sehen, auf der anderen Seite portugiesische Guerilleros. Am Ende gibt das Programm eine Rückmeldung über die Richtigkeit der Zuordnung. Im anschließenden Unterrichtsgespräch wird das Konzept gefestigt, auf unterschiedliche Epochen bezogen und mit heutigen Kriegstaktiken verglichen.
  • Erschließung einer Infografik aus dem Jahr 1869: Die Schüler ziehen per drag and drop Aussagen über den Russlandfeldzug auf die Grafik. Dabei schulen sie ihr methodisches Wissen und erschließen sich eigenständig grundsätzliche Probleme und Fehlschläge des napoleonischen Russlandfeldzuges. Auch hier werden die Ergebnisse der jeweiligen Gruppen mittels Beamer präsentiert, abgeglichen und diskutiert. Ohne die Möglichkeit, in die Grafik zu zoomen und sie mit Informationen zu versehen, wäre die Grafik nicht sinnvoll im Unterricht einsetzbar.

Fazit:

Es gibt sie, die Schulen, die nicht von Bedenkenträgern, sondern von visionären Praktikern geführt werden. Es ist möglich, Schule freier und anders zu denken. In Erlangen führt dieses neue Denken zu deutlich sicht- und wirksamer Schulentwicklung, die Auswirkungen auf das gesamte Schulleben hat: Abschaffung des Stunden-signals, Einführung des Doppelstundenprinzips, konsequente Nutzung von Fachräumen, Arbeit an der papierlosen Klasse, Erweiterung des Angebots zu fachlich-methodischer Arbeit, Intensivierung und Demokratisierung der Unterrichts-kommunikation.

Digitale Technik alleine löst keine Probleme. Digitale Technik in Kombination mit einem innovativen schulischen Konzept, einer (fach-) didaktischen Hinterlegung und einer pädagogischen Begleitung hat hingegen dieses Potential.

Dabei unterstützt digitales Lernen eben nicht nur für den Erwerb von Medienkompetenz im Allgemeinen, sondern auch hochwertige Lernprozesse in den jeweiligen Fächern.

Schließlich soll Markus Bölling, der Rektor der Realschule am Europakanal, abschließend das Wort haben. Er äußert sich zu den Themen Technik, digitaler Mehrwert, Sozialverträglichkeit, Content und politische Rahmenbedingungen:

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