Das Inter­view führ­ten Flo­ri­an Lan­ge und Ben­ja­min Heinz.

Du beschäf­tigst dich ja viel mit Inter­netthe­men. Des­we­gen wür­den wir jetzt ein­fach mal so zum Ein­stieg wis­sen wol­len: Was ist denn gera­de dein aktu­el­les Lieb­lings­me­me oder Lieb­lings­in­ter­net­phä­no­men? Hast du da gera­de was?

Dirk von Geh­len: Muss es ein lus­ti­ges Inter­net­phä­no­men sein oder kann es auch was Seriö­ses sein?

Darf auch was Seriö­ses sein.

Ich mag gera­de wie­der ein sehr sehr, sehr altes Inter­net­phä­no­men, näm­lich den RSS-Feed, sehr. Ich habe so das Gefühl, dass seit Anfang des Jah­res die­se Form von Noti­fi­ka­ti­on über Neue­run­gen auf ein­mal wie­der, zumin­dest in mei­ner Fil­ter­bla­se, an Fahrt auf­nimmt. Und das wür­de mich sehr freu­en, weil das eine sehr alte Idee des dezen­tral ver­brei­te­ten Inter­nets wie­der­auf­le­ben lässt, die wir viel­leicht so ein biss­chen vor lau­ter Face­book und Wal­let Gar­dens ver­ges­sen haben. Also, mei­ne Ant­wort wäre RSS.

Nächs­te Fra­ge: Das Smart­pho­ne ist unser treu­er Beglei­ter und auch ein wich­ti­ges Werk­zeug für unse­re Arbeit, aber auch für unse­ren All­tag, den wir damit gestal­ten. An man­chen Schu­len ist das Smart­pho­ne ver­bo­ten. Was wür­dest du sagen, wie ist dei­ne Hal­tung zum Smart­pho­ne im Unter­richt?

Ich glau­be, dass das Smart­pho­ne das Sym­bol für den digi­ta­len Wan­del gewor­den ist. Das liegt zum einen dar­an, dass wir alles auf dem Smart­pho­ne natür­lich tun kön­nen. Das ist die­ses berühm­te Schwei­zer Taschen­mes­ser­bild. Es liegt aber zum ande­ren auch dar­an, dass es eben­so total greif­bar und prä­sent ist, dass man alles dar­auf pro­ji­zie­ren kann. Das gibt es tat­säch­lich total sel­ten, dass gesell­schaft­lich tech­ni­sche Inno­va­tio­nen so klar greif­bar auf ein Pro­dukt fokus­sier­bar sind. Damit ist das Smart­pho­ne zum per­fek­ten Streit­ge­gen­stand gewor­den. Es gibt auch sehr bekann­te Buch­au­toren, die es mit Niko­tin­sucht ver­glei­chen und des­we­gen hat irgend­wie jeder eine Mei­nung dazu.

Ich habe letz­tes Jahr ein Lob auf das Smart­pho­ne gesun­gen auf einem Kon­gress, weil ich fin­de, dass die Dis­kus­si­on über Smart­pho­nes sehr in die­sem „Oh, gefähr­lich und da muss man aufpassen!“-Ductus geführt wird. Das ist mir so ein biss­chen auf die Ner­ven gegan­gen. Ich will kurz erklä­ren, war­um es mir auf die Ner­ven geht. Schi­cke aber vor­weg, dass ich ver­ste­hen kann, dass es Zusam­men­hän­ge gibt, in denen ein Smart­pho­ne aus­ge­schal­tet sein soll. Ich habe gera­de mein Smart­pho­ne aus­ge­schal­tet, weil ich auf der Edu­Couch Platz genom­men habe. Und da möch­te ich mich jetzt mit euch bei­den unter­hal­ten und nicht par­al­lel mit jemand ande­res tele­fo­nie­ren oder irgend­was ande­res tun. Das glei­che gilt selbst­ver­ständ­lich auch für den Unter­richt. Also die­se Debat­te muss man natür­lich nicht füh­ren, dass wenn man etwas tut, man sich dar­auf kon­zen­trie­ren soll­te und Ablen­kung dann da kei­ne Rol­le spielt im Unter­richt.

Gleich­wohl, und jetzt kom­me ich auf das Posi­ti­vum, ler­nen wir Instru­men­te nur dann zu bedie­nen, wenn wir damit umge­hen ler­nen. Also, es gibt die­se berühm­te The­se, Mal­com Glad­well hat die popu­lär gemacht, dass, wenn man 10.000 Stun­den etwas tut, dann ist man dar­in total gut. Das ist eine, glau­be ich, nicht zu dis­ku­tie­ren­de Grund­idee, dass, wenn ich etwas häu­fi­ger tue, ich dann bes­ser wer­de. Also müss­te man mög­lichst früh anfan­gen mit dem Smart­pho­ne als Instru­ment umge­hen zu ler­nen. Und des­we­gen bin ich der Mei­nung, mit dem Smart­pho­ne umzu­ge­hen müss­te Bestand­teil der schu­li­schen Bil­dung wer­den. War­um ist das bis­her nicht der Fall? Weil das Smart­pho­ne als Sym­bol für Digi­ta­li­sie­rung uns sehr schön vor Augen führt, dass die Genera­ti­on der Leh­rer nicht schlau­er ist als die Genera­ti­on der Schü­ler, weil die Leh­rer näm­lich auch nicht wis­sen, wie man mit dem Smart­pho­ne gut umgeht. Die ler­nen das gera­de alle zusam­men.

Und ich fin­de, das wäre so eine intel­lek­tu­el­le Red­lich­keit das anzu­er­ken­nen. Zu sagen, wir kom­men mit dem Smart­pho­ne nicht so gut klar. Wir müs­sen das gera­de ler­nen. Lasst uns das gemein­sam tun, was tat­säch­lich total gut funk­tio­niert, auch wenn man das Schü­lern zum Bei­spiel sagt. Es gibt so ein Pro­jekt namens „Digi­tal­hel­den“ — Sehr, sehr tol­les Pro­jekt, in dem Tuto­ren, älte­re Schü­ler, jün­ge­ren Schü­lern Umgang mit dem Smart­pho­ne bei­brin­gen. Sowas fin­de ich total super. Des­we­gen mei­ne jetzt sehr lan­ge Ant­wort kurz zusam­men­ge­fasst. Ich fin­de, Smart­pho­ne-Umgang müss­te unter­rich­tet wer­den. Nicht nur für Schü­ler, son­dern für die gesam­te Gesell­schaft.

Da bin ich genau auf dei­ner Linie. Vor allem habe ich so das Gefühl, wenn ich das nicht nut­ze, weiß ich auch nicht, wann ich es aus­schal­ten muss. Das heißt, um so öfter ich es nut­ze, habe ich auch häu­fig das Gefühl, jetzt ist es unpas­send, weil ich in dem Moment irgend­wie ein komi­sches Gefühl habe, und dann packe ich es weg. Aber, wenn ich es im Vor­hin­ein ver­bie­te, ler­ne ich auch nicht, wann ver­bin­de ich mein Smart­pho­ne und wann nicht.

Der zwei­te ist das ein Ver­bot? Wie macht man eine Sache inter­es­sant, in dem man sie ver­bie­tet? Also, man kann es in der Geschich­te der Pro­hi­bi­ti­on und in allen Sachen nach­voll­zie­hen. Wenn ich mich auf­leh­nen will gegen die Regeln, dann bre­che ich sie. Und in einer Welt, in der Schü­le­rin­nen und Schü­ler zu einem Groß­teil sagen, ihre Vor­bil­der sind ihre Eltern, kann man sich am bes­ten auf­leh­nen, indem man zum Bei­spiel Smart­pho­nes benutzt, weil die Eltern sagen, „Das ist aber gefähr­lich“ und „Passt doch auf“. Also, wenn man das ver­bie­tet, dann mys­ti­fi­ziert man das Pro­dukt oder das Instru­ment Smart­pho­ne noch viel mehr. Und ich hal­te das für gefähr­lich, weil, das Ziel muss digi­ta­le Sou­ve­rä­ni­tät sein. Also im Umgang mit digi­ta­len Tech­no­lo­gi­en müs­sen wir Men­schen so sou­ve­rän machen, dass sie nicht von Angst getrie­ben wer­den, son­dern von dem Gestal­tungs­wil­len. Und ich habe das in die­sem Talk zusam­men­ge­fasst mit der For­de­rung, wir soll­ten auf­hö­ren die Sor­gen der Men­schen ernst zu neh­men und dahin­kom­men, die Hoff­nun­gen der Men­schen ernst zu neh­men. Also, wel­che Hoff­nung ver­bin­den wir mit die­sem Smart­pho­ne als, sozu­sa­gen, pars pro toto gespro­chen. Wel­che Hoff­nun­gen ver­bin­den wir mit der Digi­ta­li­sie­rung? Lasst uns dar­über reden und nicht immer nur über die Sor­gen, die wir rund um den tech­ni­schen Fort­schritt haben.

Wir blei­ben mal bei dem The­ma Sou­ve­rä­ni­tät und Schu­le. Du hast einen tol­len Blog namens „Digi­ta­le Noti­zen“. Und du hast dar­in vor kur­zem einen sehr span­nen­den Arti­kel geschrie­ben. Da ging es um Demo­kra­tie als Mus­kel. Wenn wir jetzt sagen: In der Schu­le sind wir auch des­we­gen, also um Schü­ler fit zu machen für die Demo­kra­tie. Das heißt, man braucht dann auch Work­outs für die Demo­kra­tie. Was wäre denn, wenn du jetzt Sport­leh­rer wärest an der Schu­le? Was wäre denn dein opti­ma­les Work­out für die Schü­ler, damit sie in der Demo­kra­tie mün­di­ge Bür­ger wer­den?

Ich glau­be, mei­ne Ant­wort beinhal­tet zwei Tei­le. Der ers­te Teil ist, war­um ich die­ses Bild mit dem Mus­kel über­haupt gewählt habe. Weil, in mei­ner Wahr­neh­mung wir gera­de eine Dis­kus­si­on haben, dass die Leu­te ganz oft sagen, die­ses Auf­kom­men der rech­ten Bewe­gun­gen, die AfD im Bun­des­tag, der Bre­x­it, die rechts­na­tio­na­len Bewe­gun­gen in Euro­pa, Trump, all das ist eine tota­le Bedro­hung für die Demo­kra­tie. Und das wird häu­fig in so einem fata­lis­ti­schen Ton­fall erzählt. Und das ist mir so ein biss­chen auf den Keks gegan­gen, weil ich fin­de das auch nicht gut. Aber, ich wür­de dar­aus nie den Schluss zie­hen, dass jetzt die Welt unter­geht.

Ich habe ein biss­chen so eine Abnei­gung ohne­hin gegen Kul­tur­pes­si­mis­mus, weil ich den immer für sehr ärger­lich hal­te und häu­fig für nicht ziel­füh­rend. In dem kon­kre­ten Fall lenkt er sogar von etwas ab, näm­lich von der Grund­idee, das Demo­kra­tie dar­auf basiert, dass man aus­hält, das es ande­re Mei­nun­gen gibt. Und ich glau­be, dass die Tat­sa­che, dass es jetzt ande­re Mei­nun­gen gibt – recht­na­tio­na­le Mei­nun­gen, Mei­nun­gen, die ich per­sön­lich für total falsch hal­te – allein das zeigt nicht eine Kri­se der Demo­kra­tie, son­dern im Gegen­teil, es ist eine Her­aus­for­de­rung. Es ist wie eine sport­li­che Belas­tung für einen Mus­kel. Und das Inter­es­san­te ist, dass, wenn man irgend­ei­ne Form von Sport regel­mä­ßi­ger macht, bes­ser dabei wird. Das liegt zum einen dar­an, dass man die Fähig­kei­ten ja lernt, aber das ande­re ist, dass die Mus­keln stär­ker wer­den unter Belas­tung. Natür­lich wohl dosiert und auch da gilt es, das anzu­pas­sen und ein rich­ti­ges Mit­tel zu fin­den. Aber das Ent­schei­den­de mei­ner End­sta­ti­on dabei ist, die Her­aus­for­de­rung für den Mus­kel heißt noch lan­ge nicht, dass der Mus­kel dadurch kaputt­geht oder nicht mehr funk­tio­niert.

Die wich­tigs­te Übung, die ich in die Schu­le als sagen wir mal, demo­kra­ti­scher Sport­leh­rer ein­brin­gen wür­de, besteht aus zwei Work­outs. Das ers­te ist, sich die Fra­ge zu stel­len: Was bedeu­tet denn Demo­kra­tie? Und mei­ner Mei­nung nach bedeu­tet Demo­kra­tie das, was wir selbst in der Schu­le gelernt haben: Die Herr­schaft des Vol­kes. Man wählt Ver­tre­ter. Der ent­schei­den­de Fak­tor drückt sich aber, mei­ner Mei­nung nach, dar­in aus, dass man eine ande­re Mei­nung aus­hal­ten kann. Dass man also sagt, ich habe die Mei­nung A und ihr habt die Mei­nung B und trotz­dem reden wir mit­ein­an­der. Und das ist, sozu­sa­gen, schon mal das Ers­te, also Aus­hal­ten wäre so ein biss­chen die Fit­ness­va­ri­an­te. Und das Zwei­te als tat­säch­li­che Übung wäre Mei­nungs­wech­sel. Das klingt erst ein­mal total blöd, weil in der media­len Wahr­neh­mung, wenn ein Poli­ti­ker die Mei­nung wech­selt, dann sagen immer alle, oh, das sind Umfal­ler und auf den kann man sich nicht ver­las­sen.

Ich fin­de aber das Beson­de­re an der Demo­kra­tie ist, dass sie uns die Mög­lich­keit ein­räumt, unse­re Mei­nung zu ändern.” — Dirk von Geh­len

Dreh­ho­fer.

Dreh­ho­fer. Oder: „Mar­tin Schulz hat sei­ne Mei­nung geän­dert nach der Wahl. Ah, auf den kann man sich nicht ver­las­sen. Was für ein komi­scher, irr­lich­ten­der Typ und so.“ Ich fin­de aber das Beson­de­re an der Demo­kra­tie ist, dass sie uns die Mög­lich­keit ein­räumt, unse­re Mei­nung zu ändern. In auto­ri­tä­ren Sys­te­men kann jeder auch eine Mei­nung haben, näm­lich die des Dik­ta­tors. Das ist über­haupt kein Pro­blem. Da hat man auch Mei­nungs­frei­heit. Du hast die Frei­heit, mei­ne Mei­nung anzu­neh­men. Das Tol­le ist, in der wirk­li­chen, frei­en, plu­ra­len Demo­kra­tie, kann ich sagen „Hey, ich habe mich geirrt“. Ich habe jetzt eine neue, eine ande­re Mei­nung. Und es ist kein Pro­blem. Ich muss nicht mit Sank­tio­nen rech­nen.

Das heißt, die zwei­tei­li­ge Übung für den demo­kra­ti­schen Fit­ness­un­ter­richt, Tole­ranz dem ande­ren Gegen­über und zum Zwei­ten, die Fähig­keit zum Mei­nungs­wech­sel. Sich die Fra­ge stel­len, wann habe ich eigent­lich sel­ber das letz­te Mal mei­ne Mei­nung geän­dert? Denn die Mei­nung ist nichts, was an mir klebt wie ein unver­än­der­li­ches Zei­chen, son­dern ich kann mei­ne Mei­nung ändern, weil die Idee von Demo­kra­tie ein Wett­streit der Ide­en ist. Und wenn ich eine bes­se­re Idee höre, dann bin ich viel­leicht ande­rer Mei­nung. Da sind wir übri­gens, kur­ze Fuß­no­te, bei dem, was wir so im Sili­con Val­ley und in der Digi­tal­kul­tur Fail Cul­tu­re nen­nen. Die Bereit­schaft, mal einen Feh­ler ein­zu­ge­ste­hen. Und einen Feh­ler kann man nur dann ein­ge­ste­hen, wenn man sagt „Okay, ich bin jetzt schlau­er“. Also, ich habe da viel­leicht mei­ne Posi­ti­on, mei­ne Mei­nung geän­dert.

Also, wenn wir es im Sport­über­gang zusam­men­fas­sen könn­te man sagen plank für Aus­hal­ten und für Mei­nun­gän­dern Kopf­stand oder so.

Ja, ich glau­be, Kopf­stand ist gut. Ein Per­spek­tiv­wech­sel. Also, aus der ande­ren Per­spek­ti­ve drauf­gu­cken und nicht ein­fach nur Recht zu haben. Vie­le Leu­te glau­ben, Demo­kra­tie und der Arti­kel Fünf, Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung, heißt, dass man sei­ne Mei­nung sagen darf. Das Span­nen­de ist aber, aus der ande­ren Per­spek­ti­ve dar­auf zu gucken. Es so ein schö­nes Zitat von Hans Georg Gada­mer, der gesagt hat: „Bil­dung ist die Fähig­keit, eine Sache aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve anzu­schau­en.“ Und das wäre etwas, was ich mir wün­schen wür­de, wenn das in Schu­len tat­säch­lich gelehrt wür­de. Ich for­mu­lie­re das mal so, weil eben For­de­run­gen an Schu­len immer so for­mu­liert wer­den, das müs­sen die machen. Ich habe das tat­säch­lich in der Schu­le gelernt. Das war für mich ein ganz wich­ti­ger Bestand­teil, dass mir in der Schu­le die Fähig­keit, zumin­dest zu Tei­len bei­gebracht wur­de, Sachen aus­zu­hal­ten und ande­re Per­spek­ti­ven ein­zu­neh­men. Und in der Pola­ri­sie­rung, die wir jetzt viel­leicht in der Gesell­schaft erle­ben, geht uns das so ein biss­chen ver­lo­ren. Des­we­gen fin­de ich es so wich­tig, sich so ein biss­chen dar­an zu erin­nern. Zu sagen, mei­ne Mei­nung ist nur eine unter Vie­len. Die ande­re ist auch mög­lich, die kann ich des­we­gen für falsch hal­ten, aber ich akzep­tie­re, dass sie mög­lich ist.

Dirk von Gehlen

Dirk von Geh­len — Foto: Hau­ke Bendt

The­ma Gelas­sen­heit auch oder Aus­hal­ten: Es gibt ein Bild, was du ger­ne benutzt oder ein Emo­ti­con, kein Bild. das heißt Emo­ti­con. Und dein Lieb­lings­emo­ti­con ist der Shrug­gie. Also Shrug­gie, gleich noch ein­mal zur Erklä­rung, ist ein ach­sel­zu­cken­des Emo­ti­con und ist ein Prin­zip für dich für Gelas­sen­heit und Prag­ma­tis­mus im Netz. Und auch ein Werk­zeug gegen Panik und Hys­te­rie, die zum Bei­spiel in Soci­al Media häu­fig auf­kommt. Könn­test du mal erklä­ren, war­um ist das ein Prin­zip und was hat das mit dem Shrug­gie zu tun?

Ich habe schon vor einer gewis­sen Ewig­keit — das ist fünf, sechs Jah­re her — irgend­wo im Netz die Behaup­tung gehört, der Shrug­gie, also die­ses schul­ter­zu­cken­de Emo­ti­con, sei der Aus­druck für ein deaf rol­led Inter­net­fee­ling, also, sozu­sa­gen, das Sym­bol für das Online sein. Und die­ses Bild fand ich irgend­wie total gut und das habe so immer mit mir rum­ge­schleppt und habe dann irgend­wann gedacht, ja, das stimmt. Also, in dem wie der Shrug­gie ist, also in die­sem schul­ter­zu­cken­den, in dem manch­mal auch ein biss­chen distan­zier­ten, in dem, ich for­mu­lie­re das in der Hal­tung, was wäre, wenn das Gegen­teil rich­tig wäre, da steckt etwas drin, was mit die­sem Online sein, mit der Digi­ta­li­sie­rung zusam­men­hängt.

Lus­ti­ger­wei­se gibt es da eben eine Par­al­le­le zu der Demo­kra­tie­hal­tung, weil der Shrug­gie, sozu­sa­gen, immer im Per­spek­tiv­wech­sel, sozu­sa­gen, dazu inspi­riert oder inspi­rie­ren möch­te. Ich habe also die­se The­se dage­habt und dann habe ich gemerkt, irgend­wie fin­de ich immer mehr Bei­spie­le dafür, die aus die­ser Hal­tung ein­zah­len. Es gibt die­se berühm­te, ich weiß nicht, ob es bekannt ist, die Woo­kah Welt. Also die Welt der Unsi­cher­heit, der Vola­ti­li­tät, der sich schnell ver­än­dern­den Umstän­de. Es gibt Füh­rungs­me­tho­den wie Scrum und Agi­le Metho­den, die auch nicht mehr auf eine kla­re Linie und einen füh­ren­den Chef set­zen, son­dern Ver­ant­wor­tung tei­len und gemein­sa­me Struk­tu­ren suchen. Es gibt die­se gesam­te New Work-Bewe­gung. Und all das hat­te immer was von dem, was ich im Shrug­gie erkannt habe. Und dann habe im Piper Ver­lag einen Ver­lag gefun­den, der die­se etwas absur­de Idee auch gut fand, näm­lich zu sagen, wir schau­en aus den Augen eines Emo­ti­cons auf die sich immer schnel­ler ver­än­dern­de Welt. So ist das Buch „Das Prag­ma­tis­mus­prin­zip“ ent­stan­den, wo der Shrug­gie Titel­held ist und der taucht auch in dem Buch, sozu­sa­gen auf, schreibt da ein Vor­wort und ver­sucht, sowas- Sascha Lobo hat das, da habe ich mich sehr dar­über gefreut nach­her, den Ansatz einer ers­ten Emo­ji Phi­lo­so­phie genannt.

Ich ver­su­che damit, sozu­sa­gen, so eine Hal­tung auf die Welt sicht­bar zu machen, die viel­leicht mit die­ser digi­ta­len Über­for­de­rung ein­her­geht, die wir alle haben. Die Hal­tung vom Shrug­gie ist ein Rat­ge­ber zur Rat­lo­sig­keit zu sein. Also Rat­lo­sig­keit und Über­for­de­rung nicht als Pro­blem zu sehen, son­dern sich damit zu arran­gie­ren und etwas an den Tag zu legen, was Chris­toph Kucklick, Chef­re­dak­teur von Geo und Autor, mal über Über­for­de­rungs­be­wäl­ti­gungs­kom­pe­tenz genannt hat. Also die Fähig­keit mit der Über­for­de­rung umzu­ge­hen und sich von der Über­for­de­rung nicht blind machen zu las­sen. Sich von den Sor­gen, die man viel­leicht auch hat oder den Ängs­ten vor der unsi­che­ren Zukunft nicht blind machen zu las­sen, son­dern Hoff­nung zu trans­por­tie­ren und zu sagen, durch mein Dazu­tun kann die Welt bes­ser wer­den. Und das ist die Hal­tung, die der Shrug­gie zwi­schen Pes­si­mis­ten und Opti­mis­ten an den Tag legt. Dass er sich die­sem, es ist ohne­hin alles vor­be­stimmt, wider­setzt und sagt, ich sel­ber kann Zukunft mit­ge­stal­ten Zukunft ist immer unge­wiss gewe­sen. Das ist die Idee von Zukunft und ich kann durch mein Zutun dazu bei­tra­gen, dass sie bes­ser oder schlech­ter wird. Und das fin­de ich, ist eine Hal­tung, die wir viel­leicht häu­fi­ger an den Tag legen soll­ten. Aber auch das, ich bin nie­mand, der jetzt sagt, dass müs­sen alle so tun, mit einem schul­ter­zu­cken­den, fröh­li­chen Blick, den der Shrug­gie eben auch an den Tag legt.

Bei die­sem Shrug­gie-Prin­zip gab es ja auch beglei­tend Blog­bei­trä­ge und ein Pod­cast, in dem ja auch immer die Fra­ge im Raum stand: Was wür­de Shrug­gie tun? Und ich bin mir sicher, da wur­den ganz vie­le Fra­gen von sehr seri­ös bis sehr absurd an euch her­an­ge­tra­gen. Hast du da so ein, zwei Favo­ri­ten viel­leicht?

Ich fand tat­säch­lich die ver­meint­lich Absur­den beson­ders gut. Das hat mir per­sön­lich total viel Spaß gemacht. Und ich fand Pod­casts super. Ich habe die ger­ne gehört und dann woll­te ich mal wis­sen, wie das eigent­lich sel­ber geht und habe mit dem super Kol­le­gen Yan­nic Han­ne­bohn jeman­den gefun­den, der auch Bock hat­te, das mit mir und dem Shrug­gie zu machen. Und dann haben wir das ein­fach mal aus­pro­biert. Da haben wir ganz tol­le Fra­gen gekriegt.

Eine, die mir sehr gefal­len hat, bezog sich aufs Bahn­fah­ren und ob das Bahn­fah­ren gut oder schlecht ist. Es klingt ja erst ein­mal nach so einer absur­den Fra­ge, was sol­len wir jetzt über das Bahn­fah­ren reden? Ich fin­de das Bahn­fah­ren ist so ein schö­nes Bei­spiel für so buy issu­ses. Also für so Prä­gun­gen, die man so mit sich trägt. Alle sind sich rela­tiv schnell einig dar­über, dass die Bahn ja irgend­wie ein blö­des Ver­kehrs­mit­tel ist und ja immer zu spät kommt. Da gibt es so ein gro­ßes Lamen­to über das Bahn­fah­ren. Und ich bin per­sön­lich gro­ßer Bahn-Fan und der Shrug­gie hat das, glau­be ich, sozu­sa­gen genutzt und hat dann gesagt: „Ja, schau doch mal aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve dar­auf. Viel­leicht ist das ja gera­de super, was alle immer blöd fin­den.“ Also genau die Hal­tung „Was wäre, wenn das Gegen­teil rich­tig wäre?“.

Und eine zwei­te Fra­ge, die mir in Erin­ne­rung geblie­ben ist, war, ich glau­be sinn­ge­mäß „War ich eigent­lich wirk­lich im Urlaub, wenn ich kei­ne Fotos auf Insta­gram von mei­nem Urlaub gemacht habe?“. Und der Shrug­gie hat dann gesagt, das Foto­gra­fie­ren ist viel­leicht ein Ver­stär­ken des Genus­ses. Das fand ich des­we­gen auch gut, weil es auch ein biss­chen gegen den Strich gebürs­tet war, weil man ja sofort, wenn man auf einer Par­ty ist, sind sich ja alle sofort einig „Also das Foto­gra­fie­ren von Essen und das Pos­ten auf Insta­gram ist ja irgend­wie absurd“. Also ich zum Bei­spiel ken­ne per­sön­lich nie­man­den der von sich sagt „Ey, ich bin begeis­ter­ter Food­blog­ger und ich pos­te stän­dig mein Essen auf Insta­gram“. Wenn jemand es macht, macht er es immer mit so einer iro­ni­schen Distan­zie­rung. Und der Shrug­gie hat aber gesagt „Hey, viel­leicht ist es ja viel gei­ler, sein Essen nicht ein­fach nur zu genie­ßen, son­dern den Genuss auch noch zu doku­men­tie­ren“. Das glei­che gilt für den Urlaub. Nicht ein­fach nur in Urlaub zu fah­ren, son­dern zu sagen, hey, das ist hier so super, ich foto­gra­fie­re das. Auch, wenn das Foto nach­her natür­lich viel schlech­ter ist als das wirk­li­che Erle­ben, hat der Vor­gang des Foto­gra­fie­rens so ein Gefühl von über­hö­hen und auf­wer­ten. Lus­ti­ger­wei­se habe ich dann danach eine Stu­die gele­sen, die das irgend­wie auch bestä­tigt hat. Der Shrug­gie hat­te das offen­bar vor­weg­ge­nom­men.

Der Trick ist natür­lich, der bürs­tet Sachen gegen den Main­stream, gegen das, von dem man dach­te „Das ist mei­ne Wahr­heit“. Und ich glau­be, dass man dafür offen­blei­ben muss. Um es auf mich zu über­tra­gen: Ich habe am Anfang die­ses Lob auf das Smart­pho­ne gesun­gen. Natür­lich muss ich mich sel­ber immer auch fra­gen: „Ver­ren­ne ich mich nicht in irgend­was?“. Also, stimmt es denn was ich sage oder gibt es nicht in der gegen­tei­li­gen Mei­nung auch Punk­te, die rich­tig sind? Ich wer­de den Namen Man­fred Spit­zer jetzt hier nicht sagen, aber es gibt Autoren, die ich ein­fach nicht gut fin­de, und ich zwin­ge mich dann dazu, deren Per­spek­ti­ve ein­zu­neh­men, ein­fach aus der Hal­tung her­aus. Wir haben es gera­de mit der Demo­kra­tie gehabt, aber auch eben um dar­auf zu gucken aus einer ande­ren Hal­tung. Und das kann jeder für sich sel­ber tun. Und das ist dann auch eine demo­kra­ti­sche Fit­ness­übung. Und der Shrug­gie ist dann, wenn man so will, der Fit­ness­trai­ner dafür.

Alles klar. Bevor wir den Shrug­gie ver­las­sen, um uns noch ande­ren The­men zuzu­wen­den, noch eine Detail­fra­ge. Es gibt ja Emo­ti­cons und Emo­jis. Lan­ge, lan­ge gab es nur Emo­ti­cons und irgend­wann, also aus Satz­zei­chen zusam­men­ge­setzt, und irgend­wann kamen dann die Emo­jis, vor­ge­mal­te, vor­ge­fer­tig­te Bil­der auf. Fast über­all haben die Emo­jis die Emo­ti­cons ver­drängt, aber der Shrug­gie stemmt sich ja so ein biss­chen gegen den Trend. Hast du da eine Erklä­rung dafür? Also, es gibt ihn erst sehr kurz als Emo­ji. Ich habe mich so ein biss­chen jetzt dann auch eben damit beschäf­tigt. Ich habe sogar kurz über­legt, man kann beim Uni­code Kon­sor­ti­um auch Pâté eines Emo­jis wer­den. Ist das kos­ten­pflich­tig?

Das kos­tet rela­tiv viel Geld. Ich habe dann über­legt, ob man da ein Crowd­fun­ding machen kann. Die Basis­ver­si­on kos­tet, glau­be ich, 5.000 Dol­lar oder so. Das fand ich dann absurd, weil, und das wäre viel­leicht eine Ant­wort auf dei­ne Fra­ge, der Shrug­gie ist ja – Also, ich habe ihn der Shrug­gie genannt, aber in der Emo­ti­con Fas­sung ist er ja geschlechts­los. Und in der Emo­ji Fas­sung ist er ein Mann und eine Frau. Und es gibt ihn als hal­ben Shrug­gie, wo jemand, sozu­sa­gen, nur einen Arm und eine Schul­ter zuckt, und das drö­selt das so auf. Und geht die Stär­ke des Emo­ti­cons, glau­be ich, so ein biss­chen ver­lo­ren. – Das Pro­blem ist natür­lich, man muss ihn sich irgend­wie copy-pas­ted irgend­wo hin­le­gen, weil das in der Mit­te das ist ein Kataka­na-Alpha­bet-Zei­chen aus dem Japa­ni­schen. Das hat man halt nicht auf der Tas­ta­tur. Des­we­gen muss man den, sozu­sa­gen, vor­hal­ten. Ich habe ihn extra auf der Sei­te shruggie.de. Da kann man ihn sich dann immer kopie­ren. Da liegt dann das Buch und so und da kann man ihn copy-pas­te. Und ich habe ihn im Han­dy natür­lich mit so einem Kurz­be­fehl, weil ich ihn sehr oft brau­che.

Du hast es auch gera­de schon ange­spro­chen: Crowd­fun­ding. Damit hast du dich ja auch schon des Öfte­ren beschäf­tigt. Du hast sel­ber erfolg­rei­che Crowd­fun­ding-Kam­pa­gnen hin­ter dir, auch wel­che, die viel­leicht nicht ganz geklappt haben, was ja, wie du sagst, Teil des gan­zen Prin­zips ist, dass es auch mal nicht gelin­gen kann. Wie stehst du jetzt aktu­ell zu Crowd­fun­ding? Du hast das gera­de schon ange­spro­chen. Neue Kam­pa­gne, um Pâté zu wer­den für ein Emo­ji. Hast du viel­leicht noch ande­re Plä­ne gera­de oder wie sieht es da aus?

Also, der Yan­nic und ich haben jetzt gera­de für den Pod­cast „Was wür­de der Shrug­gie tun?“ ver­sucht ein Crowd­fun­ding zu machen. Das ist nicht erfolg­reich gewe­sen. Ich glau­be aus dem bana­len Grund, dass wir den Pod­cast schon gemacht haben und dann gesagt haben, jetzt wol­len wir ein Crowd­fun­ding dafür machen. Das haben die Leu­te, glau­be ich, zu Recht nicht ver­stan­den, aber wir haben das abge­schlos­sen mit der Aus­sa­ge, dass wir viel­leicht irgend­wann doch noch ein­mal zurück­kom­men.

Wir woll­ten ja ein Zehn-Jah­res-Crowd­fun­ding machen. Das war viel­leicht auch unge­wöhn­lich, dass für zehn Euro – ich fin­de es immer noch einen Super­de­al – zehn Fol­gen hät­te bekom­men kön­nen. Also pro Fol­ge ein Euro und bis ins Jahr 2028. Weil der Shrug­gie eben auch so – das klingt erst weit weg – die Per­spek­ti­ve ändern woll­te. Wir haben das dann nicht ganz zusam­men­ge­kriegt. Das fand ich war aber eben über­haupt kein Pro­blem, weil das fin­de ich immer noch das Tol­le am Crowd­fun­ding. Es ist die Mög­lich­keit, auf offe­ner Büh­ne zu schei­tern. Und wenn man das nicht ein­geht, dann macht man, mei­ner Mei­nung nach, kein rich­ti­ges Crowd­fun­ding, son­dern macht halt eine Mar­ke­ting­va­ri­an­te von einer Vor­fi­nan­zie­rung für etwas. Und da gibt es ja auch Leu­te, die das dann so machen. Und wir hät­ten ja auch ein­fach sel­ber irgend­ei­nen Betrag noch ein­mal ein­zah­len kön­nen und dann schafft man es knapp und so.

Crowd­fun­ding ist die Mög­lich­keit, auf offe­ner Büh­ne zu schei­tern. Und wenn man das nicht ein­geht, dann macht man, mei­ner Mei­nung nach, kein rich­ti­ges Crowd­fun­ding, son­dern macht halt eine Mar­ke­ting­va­ri­an­te von einer Vor­fi­nan­zie­rung für etwas.” — Dirk von Geh­len

Ich fin­de, das Schei­tern gehört total dazu. Ich hal­te das auch für völ­lig unpro­ble­ma­tisch. Ich sage das auch ger­ne und laut, hört euch ger­ne den Pod­cast an „Was wür­de der Shrug­gie tun?“, aber das Crowd­fun­ding ist jetzt erst ein­mal geschei­tert. Ich habe kein kon­kre­tes ande­res Pro­jekt gera­de in Pet­to, wo ich sage: „Da will ich jetzt Crowd­fun­ding für machen“ Ich fin­de das Sys­tem aber noch total super. Und zwar die Grund­idee, dass ein Inhal­te­pro­du­zent oder über­haupt ein Pro­du­zent im direk­ten Aus­tausch mit dem Kon­su­men­ten oder mit dem, der frü­her mal der pas­si­ve Kon­su­ment war und heu­te sich mit betei­li­gen kann, dass die­ser direk­te Aus­tausch zu einer krea­ti­ven Schöp­fung füh­ren kann. Das fin­de ich immer noch total super.

Und es ist ja nicht aus­ge­schlos­sen, dass es noch­mal eine Run­de gibt oder sowas.

Total. Und, wie gesagt, ich ver­su­che immer dazu­zu­ler­nen. Ich habe auf jeden Fall ganz viel gelernt aus die­sem ver­meint­lich geschei­ter­ten Crowd­fun­ding. Das ist ja ganz oft so, dass man bei Sachen, die nicht funk­tio­niert haben, mehr lernt. Also, wenn man als Kind Fahr­rad fah­ren lernt, ist der Moment wo man hin­fällt, der ist natür­lich extrem schmerz­haft, aber der ist total wich­tig. Weil, wenn man nie hin­fällt, dann weiß man auch nicht, wie man damit umge­hen soll. Das klingt jetzt so neun­mal­klug, weil, wenn man hin­fällt, tut es dann trotz­dem weh. Die Pha­se haben wir jetzt zum Glück hin­ter uns.

Das Inter­net ist ja total eine Mul­ti-Kul­ti-Akti­on. Das Inter­net ver­bin­det völ­lig hete­ro­ge­ne Sys­te­me mit­ein­an­der. Du hast einen Mac, du hast ein Linux Sys­tem, ich habe Win­dows 7, was auch immer, kei­ne Ahnung. Und trotz­dem kön­nen die alle mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren. Das ist, sozu­sa­gen, in sei­ner Grund­idee das Gegen­teil von die­sen homo­ge­nen Natio­nal­staats­ge­dan­ken.” — Dirk von Geh­len

Noch ein Pro­jekt, das wir ganz span­nend fan­den, was wir gese­hen haben. Du planst einen Brauch­tums­ver­ein für Men­schen zu grün­den, die sagen, mei­ne Hei­mat ist das Inter­net. Kannst du das auch noch ein­mal so kurz umrei­ßen, was dahin­ter­steckt und wie da so die Reso­nanz ist?

Ich hat­te irgend­wann die Idee und mit dem Auf­kom­men der AfD und den Rechts­na­tio­na­len in Euro­pa, die ja lus­ti­ger­wei­se ganz viel im Inter­net machen. Und das Inter­net ist ja total eine Mul­ti-Kul­ti-Akti­on. Das Inter­net ver­bin­det völ­lig hete­ro­ge­ne Sys­te­me mit­ein­an­der. Du hast einen Mac, du hast ein Linux Sys­tem, ich habe Win­dows 7, was auch immer, kei­ne Ahnung. Und trotz­dem kön­nen die alle mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren. Das ist, sozu­sa­gen, in sei­ner Grund­idee das Gegen­teil von die­sen homo­ge­nen Natio­nal­staats­ge­dan­ken. Nur Deut­sche, nur Ser­ben, nur was auch immer.

Also, die Idee vom Inter­net ist per se mul­ti-kul­ti. Und dass es das Inter­net gibt, ist der Beweis, dass mul­ti-kul­ti und Diver­si­tät wert­vol­ler ist als Homo­ge­ni­tät und Gleich­heit sind, also dass Plu­ra­lis­mus funk­tio­nie­ren kann. Das eine war, ich ken­ne ganz vie­le Leu­te, die haben sowas wie Brauch­tum und Hei­mat, obwohl sie nicht an einem Ort sind. Und die Idee von Hei­mat ist klas­si­scher­wei­se immer an einen Ort gebun­den. Die Leu­te tref­fen sich in irgend­wel­chen Video­schal­ten oder sky­pen oder chat­ten oder was auch immer und haben da Sachen, die frü­her Leu­te am Stamm­tisch an einem Ort hat­ten und das haben sie nur wegen des Inter­nets. Und dann war die Idee: Könn­te man nicht so tun, als wäre das Inter­net auch ein Hei­mat­ort? Und der zwei­te Gedan­ke war, damit wür­de man sofort die Dis­kus­si­on über Hei­mat und Natio­na­lis­mus hacken, weil man eine ande­re Per­spek­ti­ve dar­auf hat. Das ist irre schwie­rig und vie­le Leu­te sagen, das gelingt sowie­so nicht die­sen Begriff zu ändern, weil, der ist ein­fach rechts­na­tio­nal besetzt und so. Ich bin da eher opti­mis­tisch oder kann mir vor­stel­len, dass es klappt. Weil, als das Fami­li­en­mi­nis­te­ri­um gegrün­det wur­de, war der Begriff Fami­lie auch ein ande­rer als er heu­te war. Da dach­te man auch Vater, Mut­ter, Kind ist Fami­lie. Heu­te wis­sen wir, dass sehr viel mehr mög­lich ist.

Das habe ich so vor ein­ein­halb Jah­ren, zwei Jah­ren mal in mei­nen Blog geschrie­ben und dann habe ich ein rela­tiv gutes Feed­back gekriegt. Es haben sich so 500 Leu­te in eine Lis­te ein­ge­tra­gen. Und ich bin gera­de in einer Pha­se, in der wir die­se Idee sehr kon­kret machen, weil man die­sen Ver­ein ja ein­fach grün­den kann, aber ich woll­te, dass der nicht so ver­pufft. Ich will ja noch nicht zu viel ver­ra­ten. Wir sind aber so kurz davor, jetzt tat­säch­lich dar­aus eine Idee zu machen, die im bes­ten Sin­ne einer digi­ta­len Idee dann noch ska­lier­bar sein kann. Also, wer sich dafür inter­es­siert, das jetzt hört: Tragt euch in die Lis­te ein. Es wird in den nächs­ten Wochen eine Idee kom­men, die ich total super fand und immer noch fin­de. Ich habe sie sehr guten Freun­den von mir erzählt und die haben gesagt, du machst dich total lächer­lich. Ich glau­be aber, sie wird super.

Momen­tan gibt es da so einen Sie­ges­zug von kur­zen Mini­for­ma­ten. Sei es jetzt die­ses 15-Sekun­den-Insta­gram, Whats­App, Face­book Sto­ries oder auch die schon län­ger exis­tie­ren­den Twit­ter Kurz­ge­schich­ten. Ihr habt dar­über bei der Süd­deut­schen die Lang­stre­cke irgend­wie ins Leben geru­fen. Also lan­ge Tex­te, lan­ge Repor­ta­gen. War­um habt ihr das gemacht und wie läuft das?

Wir haben die lus­ti­ger Wei­se sogar auch über Crowd­fun­ding damals gestar­tet. Das ist ein Pro­jekt, dass ich hier mit zu ver­ant­wor­ten hat­te hier in der SZ. Ich habe fest­ge­stellt, dass vie­le Leu­te, mit denen ich gut befreun­det bin, die SZ mögen, aber dann doch die tol­len Geschich­ten, die da manch­mal drin­ste­hen nicht gefun­den haben. Und dann haben wir vor, ich glau­be, mitt­ler­wei­le drei oder drei­ein­halb Jah­ren intern eine Dis­kus­si­on ange­fan­gen dar­über, die­ses For­mat der Lon­greads auch im Haus noch ein­mal neu zu bewer­ten. Und dar­aus ist dann etwas ent­stan­den, eine vier­tel­jähr­li­che Publi­ka­ti­on, die alle lan­gen Lese­stü­cke aus der SZ bemüht. Also Inter­views, Essays, Repor­ta­gen, lan­ge Tex­te, die nicht nur Nach­rich­ten sind, son­dern wir haben das über den Tag hin­aus­rei­chen genannt und die man auch nach ein paar Wochen noch ger­ne lesen möch­te. Das ver­su­chen wir im Netz zu beglei­ten mit dem Hash­tag Lang­stre­cke, wo wir auf beson­ders gute, lan­ge Lese­stü­cke hin­wei­sen. Und man kann das auch ein­mal im Quar­tal am Kiosk kau­fen als gedruck­tes, hoch­wer­ti­ges Print­ma­ga­zin. Kann man auch abon­nie­ren. Und es ist so ein Zugang zu SZ Inhal­ten für alle die Leu­te, die jetzt nicht jeden Tag die SZ lesen kön­nen oder wol­len, weil es ihnen zu viel ist oder so. Da kann man auf jeden Fall ein­stei­gen und, wie ich fin­de, ganz, ganz tol­len Jour­na­lis­mus auf eine tol­le Art lesen. Das sind fast schon lite­ra­ri­sche Tex­te. Und wenn man so will ist es, sozu­sa­gen, das Gegen­an­ge­bot zu die­ser Kurz­kul­tur auf Twit­ter, Ins­ta Sto­ries, was du da alles beschrie­ben hast. Ich bin ein rie­si­ger Fan von Twit­ter. Ich fin­de das super. Und ich fin­de es eigent­lich super mit dem Hash­tag Lang­stre­cke die­se bei­den Wel­ten zusam­men­zu­füh­ren. Ich freue mich immer, wenn jemand eine Lese­emp­feh­lung mit dem Hash­tag ver­sieht.

Wir haben ja schon öfter dar­über gespro­chen: Fan von GIFs, von Inter­net-Memes, von Inter­net-Phä­no­men. Fin­dest du, es soll­te ein Fach Soci­al Media in der Schu­le geben und viel­leicht, wie sieht dazu Cur­ri­cu­lum dazu aus?

Ich bin total dafür, dass es ein Inter­net­mi­nis­te­ri­um gibt, weil ich fin­de die­se The­men müs­sen auf Ebe­ne des Minis­te­ri­ums behan­delt wer­den. Was die Schu­le angeht, glau­be ich mitt­ler­wei­le, dass es gut wäre, die­se The­men, auch was du gera­de mit Soci­al Media, mit Netz­kul­tur und so ansprichst, zum Bestand­teil der bestehen­den Unter­richts­fä­cher zu machen. Ich glau­be, dass das lang­fris­tig erfolg­rei­cher ist als qua­si so eine Ghet­toi­sie­rung. Da gibt es dann das Digi­tal­fach. Das macht dann der Herr sound­so. Ach, der ist krank, dann fällt es aus. Ich glau­be, dass es eher in Fächer wie Deutsch und Geschich­te gehört. Da ist heu­te schon das The­ma Umgang mit Medi­en ein wich­ti­ges The­ma. Also das gehört da rein, aber nicht als eige­nes Schul­fach.

Und dei­ne Fra­ge „Was wäre das Cur­ri­cu­lum?“ beant­wor­te ich mit einem Bei­spiel. Damit bin ich manch­mal tat­säch­lich auch an der Schu­le. Ich habe mit zwei Freun­den nach dem Amok­lauf in Mün­chen ein Pro­jekt gestar­tet, das heißt gegen-die-panik.de. Es ist ein Hash­tag vor allen Din­gen, unter dem wir ein­fa­che Regeln bün­deln, wie man sich in Brea­king News Situa­tio­nen zu ver­hal­ten hat. Das speist sich dar­aus, dass wir in die­ser Panik­si­tua­ti­on in Mün­chen nach dem Amok­lauf am OEZ sel­ber in Mün­chen waren und mit­ge­kriegt haben, wie sich hier Panik ver­brei­tet hat. Ich weiß nicht, wer die Geschich­te kennt? Eine Frau hat sich das Bein gebro­chen, weil sie im Hof­bräu­haus aus dem Fens­ter gesprun­gen ist vor lau­ter Panik, weil sie dach­te, da wird geschos­sen. Da gibt es auch eine ganz tol­le PR-Doku­men­ta­ti­on namens „Stadt in Angst“, wo man das noch ein­mal so anschau­en kann, wie die Stadt eine durch Soci­al Media, eigent­lich Whats­App-Grup­pen, ange­fach­te Panik­wel­le in den Aus­nah­me­zu­stand gekom­men ist. Und wir haben danach dann auf­ge­schrie­ben, was man eigent­lich tun kann, um sich dage­gen zu wapp­nen. Damit gehe ich sogar manch­mal in Schu­len, weil ich fest­ge­stellt habe oder Leh­rer mir oft gesagt haben, sie wis­sen nicht was man tun soll, und dass doch ein ganz guter Dis­kus­si­ons­an­satz ist.

Jetzt sage ich nicht, dass genau das eins zu eins in den Unter­richt gehö­ren wür­de, aber die Fra­ge, wie ver­hal­te ich mich in sol­chen Situa­tio­nen, wel­che Inhal­te tei­le ich, wie gehe ich auch mit bewuss­ten Falsch­mel­dun­gen um? Das gehört in jeden Fall in so ein Fach. Ich glau­be, das wür­de in Deutsch gut funk­tio­nie­ren. Was in so ein Fach gehört, ist, die Fra­ge zu beant­wor­ten: „War­um ist Face­book kos­ten­los?“ Und sich damit beschäf­ti­gen, dass es dar­um geht Daten zu erhe­ben und was Face­book mit den Daten macht? Das kann man gut oder schlecht fin­den, aber erst ein­mal geht es dar­um, das zu trans­por­tie­ren und das im Unter­richt klar zu machen. Also, die Lebens­rea­li­tät jun­ger Men­schen im Umgang mit dem Digi­ta­len in den Unter­richt zu holen und ein­zu­ho­len. Ich sage ein­mal das schlim­me Wort, dass glau­be ich, auf der Edu­Couch immer gesagt wird: Medi­en­kom­pe­tenz.

Kommt man nicht drum her­um.

Das muss man sagen. Das ist qua­si auf der Couch wich­tig. Nein, aber bei allem Spaß: Ich glau­be, es ist ein total wich­ti­ges Buz­zword. Medi­en­kom­pe­tenz gehört in den Unter­richt. Und das ist mei­ner Ein­schät­zung nach in fast allen Bun­des­län­dern steht es eh im Lehr­plan in Deutsch und ist aber mehr als, wie gehe ich mit einer Zei­tung um. Das gehört auch dazu, aber es geht eben auch dar­um, ich wer­de zu einem Publi­zis­ten, wenn ich mich im Netz bewe­ge. Und sei es nur, dass ich in mei­ne Whats­App-Grup­pe irgend­was rein­pos­te. Auch das hat eine Wir­kung. Dar­über muss ich mir Gedan­ken machen.

Vie­len Dank bis hier­in. Bevor wir dich jetzt mit einem Aus­blick auf dein nächs­tes Buch­pro­jekt ent­las­sen haben wir noch eine klei­ne Abschluss-Chal­len­ge, wo wir uns gemein­sam mit dir durch­wa­gen wol­len. Wir wol­len uns noch ein­mal an den Shrug­gie wagen. Da haben wir uns drei aktu­el­le The­men aus­ge­sucht, wo wir mal ger­ne mit dir aus­pro­bie­ren wür­den: „Was wür­de denn der Shrug­gie tun?“

Sehr gut. Eine Son­der­run­de „Was wür­de der Shrug­gie tun?“.

Es geht los mit „Söder macht es“.

Ganz aktu­ell. Vor­ge­schich­te weiß jeder. Die CSU hat die Flan­ke offen gelas­sen, die SPD hat es genutzt und hat „Söder macht es“ ins Netz gestellt. Ja, was ist die Fra­ge?

Was wür­de der Shrug­gie tun?

Anstel­le von Söder, anstel­le von der SPD, oder?

Ich wür­de jetzt tat­säch­lich mal direkt auf Söder und die CSU gehen.

Anstel­le der CSU, ja. Sofort ein­ge­ste­hen: „War ein Feh­ler. Hät­ten wir sel­ber die­se Sei­te machen müs­sen. Super Hin­weis, wir brau­chen die Oppo­si­ti­on, aber umset­zen kön­nen wir es am bes­ten allei­ne.“ Das wäre eine wahn­sin­nig sou­ve­rä­ne, coo­le Sache, hät­te sofort den Wind aus den Segeln genom­men. Dann sel­ber noch so rum zu druck­sen und zu sagen, da war aber ein Tipp­feh­ler auf eurer Sei­te, das wirk­te wahn­sin­nig unsou­ve­rän. Ich glau­be, Sou­ve­rä­ni­tät ist im Umgang mit digi­ta­len Medi­en ent­schei­dend und in dem Fall war das, wie die CSU reagiert hat, nicht so sou­ve­rän, wie man sich das für einen Minis­ter­prä­si­den­ten wün­schen wür­de, fin­de ich. Zeigt viel­leicht einer­seits, dass da die Ner­ven ein biss­chen blank lie­gen, dass die SPD tat­säch­lich da einen Punkt mit hat­te. Es zeigt ande­rer­seits aber auch, das muss man dazu auch noch sagen, das wür­de der Shrug­gie jetzt auch ant­wor­ten: Im letz­ten Wahl­kampf, als ja Herr See­ho­fer kan­di­dier­te, war Dreh­ho­fer ein Pro­jekt von den Grü­nen und von der SPD. Das hat aber auch nichts geän­dert. Die CSU hat trotz­dem die abso­lu­te Mehr­heit bekom­men. Ich glau­be, man darf dann sei­ne eige­ne Wahr­neh­mung auch nicht über­be­wer­ten. Das ist wahr­schein­lich nicht ent­schei­dend für die Wahl in Bay­ern. Der Shrug­gie wür­de dem Minis­ter­prä­si­dent da zu mehr Sou­ve­rä­ni­tät raten.

#Pegi­zei?

Aus wel­cher Per­spek­ti­ve?

Ich wür­de sagen LKA Sach­sen.

Da wür­de der Shrug­gie sagen: Das LKA Sach­sen soll­te sich als aller­ers­tes Mal um sei­ne inter­nen Pro­ble­me küm­mern und über die Soci­al Media-Stra­te­gie nach­den­ken. Die Soci­al Media-Stra­te­gie ist ja so was wie das Schau­fens­ter von einem Geschäft. Und wenn man ein schö­nes Schau­fens­ter haben möch­te, wäre es toll, wenn man ein gutes Geschäft hat. Also, wenn man erst ein­mal sei­ne Pro­ble­me löst, ergibt sich dar­aus oft auch eine sehr gute Soci­al Media-Stra­te­gie. Des­we­gen wür­de der Shrug­gie zum Pegi­zei sagen, viel­leicht erst ein­mal gucken, dass da alles wie­der in Ord­nung ist.

Und zum Abschluss, das ist ein sehr gro­ßes The­ma. Viel­leicht kann der Shrug­gie das auch nicht beant­wor­ten, weil noch kei­ner hat eine per­fek­te Ant­wort dar­auf gefun­den, zum Kli­ma­wan­del. Wie steht der Shrug­gie dazu wenn man sagt: „Ich lese die gan­ze Zeit oder höre die gan­ze Zeit Kli­ma­wan­del, alles geht den Bach run­ter. Was mache ich jetzt?“

Der Shrug­gie wür­de vor allen Din­gen vor dem Fata­lis­mus war­nen. Beim Kli­ma­wan­del ist die­ser Fata­lis­mus natür­lich, gera­de jetzt, weil es so heiß war und so, das ist jetzt alles, auch für Skep­ti­ker, glau­be ich, ziem­lich sicht­bar gewor­den im letz­ten Som­mer. Der Shrug­gie wür­de sagen: Ja, das sieht echt nicht gut aus. Und wir haben echt eine gan­ze Men­ge Mist gebaut und es ist auch erkenn­bar, gera­de das auf poli­ti­scher Ebe­ne das nicht sicht­bar bes­ser wird. Gleich­wohl lohnt es sich wei­ter für eine bes­se­re Zukunft zu kämp­fen. Es gibt ganz oft soge­nann­te Schwar­zer Fan-Effek­te, wo Sachen sich dann irgend­wann ändern und Sachen pas­sie­ren, die wir heu­te noch nicht abse­hen kön­nen. Auf die soll­te man nicht hof­fen, aber man soll sich dar­über bewusst sein, dass das pas­sie­ren kann. Also, viel­leicht wird irgend­wann eine tech­no­lo­gi­sche Mög­lich­keit da sein, CO² tat­säch­lich tech­no­lo­gisch abzu­bau­en.

Da gibt es ja so ein paar Ansät­ze. Ob die sinn­voll sind, weiß ich gar nicht zu beur­tei­len. Aber viel­leicht gibt es irgend­wann einen Bei­trag, den wir heu­te noch nicht ken­nen, der die Situa­ti­on ver­än­dert und sie nicht so fatal erschei­nen lässt, wie sie gera­de ist. Und obwohl sie so fatal ist, lohnt es sich trotz­dem, mehr mit Fahr­rad als mit dem Auto zu fah­ren, lohnt es sich trotz­dem mehr mit dem Zug zu fah­ren als zu flie­gen. Also lohnt es sich trotz­dem, die­se Sachen zu tun, von denen wir ja lus­ti­ger­wei­se alle wis­sen, dass es dem Kli­ma hel­fen wür­de, wenn wir weni­ger Fleisch essen. Trotz­dem macht an jeder Ecke ein Bur­ger­la­den auf. So, das ist ja irgend­wie komisch. Und der Shrug­gie wür­de schul­ter­zu­ckend sagen, das muss man bei­des aus­hal­ten und trotz­dem dafür arbei­ten. Der Begriff ist Ambi­gui­tätsto­le­ranz. Also nicht dar­auf hof­fen, dass auf ein­mal alles hun­dert Pro­zent schwarz oder weiß ist, son­dern mit den Grau­stu­fen umge­hen zu ler­nen. Auch wenn man das Gefühl hat, es nützt doch eh nichts, trotz­dem sich ver­su­chen kli­ma­ge­rech­ter zu ver­hal­ten.

Dirk von Gehlen Gebrauchsanweisung für das Internet Piper Cover

Dirk von Geh­len – “Gebrauchs­an­wei­sung für das Inter­net” (PIPER Ver­lag)

Viel­leicht als Ent­las­sung, als letz­te Fra­ge: Du hast bald ein neu­es Buch, was jetzt dem­nächst wann erscheint?

Mein Buch erscheint am 4. Sep­tem­ber 2018 im Piper Ver­lag. Es heißt „Gebrauchs­an­wei­sung für das Inter­net“. Es ist Teil einer Serie, die es da schon seit 40 Jah­ren gibt im Piper Ver­lag. Und es gab tat­säch­lich noch kei­ne Gebrauchs­an­wei­sung für das Inter­net. Dann habe ich kurz über­legt: „Ist das nicht tota­le Hybris, eine Gebrauchs­an­wei­sung für das Inter­net zu schrei­ben?“ Was mich dann zunächst sehr beru­higt hat, ist: In die­ser Serie gibt es schon eine Gebrauchs­an­wei­sung für die Welt, für das Jen­seits und für das Leben.

Ganz klei­ne The­men.

Genau. Da habe ich gesagt, gut, wenn es das schon gibt, kann man auch über das Inter­net schrei­ben. Und das zwei­te war, ich habe seit Jah­ren schon immer so ein biss­chen in mei­ner Fami­lie, im Freun­des­kreis, in mei­nem Job die Rol­le Inter­net­sa­chen zu erklä­ren. Und dann habe ich mich ein­mal auf den Weg gemacht und tat­säch­lich mir noch ein­mal die Fra­ge gestellt, wie funk­tio­niert das Osi-Schich­ten­mo­dell, was ist das Inter­net eigent­lich, wel­che Rol­le spie­len die Kabel und so. Und bin da so rein­ge­gan­gen und habe ver­sucht, das so auf­zu­schrei­ben, dass das so coo­le Pod­cast­leu­te wie ihr ver­ste­hen, aber gleich­zei­tig auch so eher uncoo­le Leu­te, die viel­leicht nicht so oft im Inter­net unter­wegs sind, und das erscheint jetzt. Ich hof­fe, dass es dazu bei­tra­gen kann, das Inter­net als men­scheits­his­to­ri­sche Erfin­dung wert­zu­schät­zen. Das ist so ein biss­chen die Hal­tung, dass man in dem Buch sagt, die­se Form eines Aus­tauschs so zu bau­en, wie das Inter­net gebaut ist, das ist ein Geschenk, das wir haben und es lohnt sich dar­auf auf­zu­pas­sen.