Das Inter­view führ­te Mar­cus Ventz­ke.

Frau Bun­des­mi­nis­te­rin, Sie sind Juris­tin, Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin, ver­ant­wort­li­che SPD-Poli­ti­ke­rin, Sie bedie­nen sozu­sa­gen die hohe poli­ti­sche Ebe­ne. Bei uns ist es ja so, wir sind Bil­dungs­men­schen, wir den­ken über Lehr- und Lern­mit­tel nach, über die Ver­bes­se­rung von Schu­le mit Schul-Clouds, mit neu­en Aus­rüs­tun­gen. Wie kön­nen wir unse­re didak­ti­schen und orga­ni­sa­to­ri­schen Pro­zes­se bes­ser machen? Das treibt uns jeden Tag um und wir sind seit vie­len Jah­ren eigent­lich davon über­zeugt, dass die Digi­ta­li­sie­rung die zen­tra­le Schlüs­sel­ent­wick­lung unse­rer Gesell­schaft ist. Wie ist das bei Ihnen in Ber­lin auf Ihrer Ebe­ne? Den­ken Sie auch jeden Tag an Digi­ta­li­sie­rung?

Kata­ri­na Bar­ley: Ich bin ja nicht nur Poli­ti­ke­rin und das bin ich ja beruf­lich noch gar nicht so lan­ge. Es ist jetzt mein fünf­tes Jahr. Ich bin ja zum Bei­spiel auch noch Mut­ter und da ver­fol­ge ich das, was Sie tun, sehr inten­siv. Mein jün­ge­rer Sohn geht noch zur Schu­le. Und bei den bei­den erle­be ich natür­lich, wie die Digi­ta­li­sie­rung alles ver­än­dert. Das ist ja noch stär­ker als in mei­ner oder unse­rer Genera­ti­on. Da ist es ja auch das Ver­ab­re­dungs­ver­hal­ten und das gan­ze Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten, woher die ihre Infor­ma­tio­nen bezie­hen, all das. So im poli­ti­schen All­tag, ja klar. Wir haben natür­lich eine ande­re Form mit Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern zu kom­mu­ni­zie­ren über die sozia­len Netz­wer­ke. Und auch sonst vie­les, was unser Leben leich­ter und ange­neh­mer macht. Aber gera­de als Ver­brau­cher­schutz­mi­nis­te­rin liegt mir natür­lich auch das gan­ze The­ma Daten­schutz und Daten­si­cher­heit sehr am Her­zen.

Wor­an erken­nen Sie, dass die Digi­ta­li­sie­rung die Welt wirk­lich grund­le­gend ändert? Wir haben ja manch­mal so Wahr­neh­mungs­pro­ble­me bei die­sem The­ma. Man­che Leu­te den­ken: Digi­ta­li­sie­rung, da kom­men dann Com­pu­ter und wir wer­den damit auch so eini­ge Din­ge machen, aber mein Leben wird sich ja nicht grund­le­gend ändern. Und wir sind davon über­zeugt, das wird pas­sie­ren, wir wer­den unse­re All­tags­din­ge anders regeln. Wir wer­den neue Raum-Zeit-Bezie­hun­gen haben. Wor­an mer­ken Sie, viel­leicht auch ganz per­sön­lich, dass sich die­se Din­ge so fun­da­men­tal wan­deln?

Ich glau­be, die meis­ten Men­schen erle­ben das im Berufs­le­ben. Ent­we­der bei sich selbst, oder bei Men­schen, die ihnen nahe­ste­hen. Ich habe ja lan­ge in der Jus­tiz gear­bei­tet, da hat die Digi­ta­li­sie­rung unheim­lich viel ver­än­dert. Die Berufs­bil­der ver­än­dern sich ganz stark. Die Mög­lich­kei­ten, sich aus­zu­tau­schen, sich wei­ter­zu­bil­den, ver­än­dern sich ganz stark. Aber es gehen natür­lich auch Jobs ver­lo­ren. Die­se ganz ein­fa­chen Kopier­jobs und die Boten, die dann die Akten von A nach B brin­gen, die wer­den dann irgend­wann tat­säch­lich nicht mehr gebraucht. Und gera­de der Bereich Arbeits­le­ben, da ist es schon sehr krass.

Der zwei­te Bereich ist Kom­mu­ni­ka­ti­on: Wie wir mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, hat sich auch dras­tisch ver­än­dert. Mei­ne Tan­te zum Bei­spiel, ist in den 50er-Jah­ren in die USA aus­ge­wan­dert. Die haben gedacht, die sehen sich nie wie­der. Die Tele­fo­na­te haben ein Ver­mö­gen gekos­tet. Das geht jetzt alles mit Sky­pe oder Face­Time oder was auch immer. Das ist alles über­haupt kein Pro­blem mehr. Und dadurch wird Ent­fer­nung ja auch wirk­lich im Wort­sinn klei­ner. Ein jun­ger Mensch kann jetzt für ein Jahr in die USA gehen ohne, dass er dann ein Jahr völ­lig ohne Fami­lie ist. Aber das sind jetzt nur zwei klei­ne Bei­spie­le. Es gibt unend­lich vie­le. Ich tei­le Ihre Auf­fas­sung, dass es unse­re Welt fun­da­men­tal ver­än­dern wird. Neh­men wir auch so was, wie einen 3D-Dru­cker oder Ale­xa und ähn­li­che Pro­duk­te. Das ver­än­dert schon auch Zusam­men­le­ben und Kon­sum, alles Mög­li­che.

Katarina Barley EduCouch

Kata­ri­na Bar­ley: “Durch die Digi­ta­li­sie­rung gibt es vie­les, was unser Leben leich­ter und ange­neh­mer macht. Aber gera­de als Ver­brau­cher­schutz­mi­nis­te­rin liegt mir natür­lich auch das gan­ze The­ma Daten­schutz und Daten­si­cher­heit sehr am Her­zen.” — Foto: Ben­ja­min Heinz

Nun glau­be ich, wir sind irgend­wie auch auf der glei­chen Sei­te. Wir sehen die Chan­cen. Sie sehen auch qua Amt die Risi­ken, die Pro­ble­me, die wir bear­bei­ten müs­sen. Aber wir haben glau­be ich, auch die­sen Blick für die schö­nen Din­ge, die sich viel­leicht in der Zukunft da so erge­ben kön­nen. Nun gibt es aber auch eine Debat­te, die sagt, die­se fort­schrei­ten­de schnel­le Digi­ta­li­sie­rung spal­tet die Gesell­schaft und zwar ganz grund­le­gend. Und sie gefähr­det unse­re demo­kra­ti­schen Grund­la­gen. Was sagen Sie dazu?

Die Digi­ta­li­sie­rung selbst ist ja erst mal nur eine Tech­nik, aber die hat Fol­gen. Gera­de, wenn man die sozia­len Netz­wer­ke ansieht, dass sich die­se Ver­ein­ze­lung von bestimm­ten Grup­pen beschleu­nigt und ver­stärkt. Das gab es frü­her durch­aus auch schon, frü­her gab es auch schon in gro­ßen Städ­ten Stadt­tei­le, in denen man unter sich blieb. Sei­en es die Rei­chen, sei­en es die nicht so Rei­chen, sei es eine bestimm­te Bevöl­ke­rungs­grup­pe, was auch immer. Aber jetzt kann man sich fast völ­lig abschot­ten und trotz­dem glau­ben, dass man alles weiß und alles kennt. Das ist echt gefähr­lich, das ist wahr, aber wir sind ja nicht macht­los.

Ich fin­de es immer ganz wich­tig zu sagen: Wir kön­nen alles gestal­ten. Also, tech­nisch kön­nen wir vie­les gestal­ten und auch poli­tisch-recht­lich liegt es ja in unse­rer Hand, zu sagen, was wir wol­len und was wir nicht wol­len, und da muss man dann gege­be­nen­falls eben auch was tun. Aber Ihre Bran­che, die Bil­dung, ist natür­lich wahn­sin­nig wich­tig an dem Punkt. Gera­de, weil Sie auch viel mit sehr jun­gen Men­schen zu tun haben. Also, ein Bewusst­sein dafür zu schaf­fen, dass nicht alles, was ich auf Face­book sehe, der Wahr­heit ent­spricht und dass Leu­te Hin­ter­ge­dan­ken haben, dass die Zie­le ver­fol­gen, wenn sie mir irgend­was auf­spie­len, das ist wich­tig. Ich erle­be das bei mei­nen Jungs, dass die­ses kri­ti­sche Bewusst­sein schon ganz gut vor­han­den ist. Mehr als ich eigent­lich dach­te und mehr als in der älte­ren Genera­ti­on, weil die Jun­gen eben wirk­lich damit auf­wach­sen.

Ich fra­ge mal an der Stel­le unge­plant so ein biss­chen poli­tisch noch wei­ter: Man könn­te ja anneh­men, dass die indus­tria­li­sier­te Mas­sen­ge­sell­schaft des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts nach einer idea­len poli­ti­schen Form gestrebt hat und das war die Demo­kra­tie. Wir erle­ben jetzt, auch durch die Digi­ta­li­sie­rung, eben sehr stark Pro­zes­se der Ver­ein­ze­lung, der neu­en Grup­pen­bil­dun­gen, auch der völ­lig neu­en Inter­es­sen­ver­tei­lun­gen. Glau­ben Sie, dass die Demo­kra­tie sozu­sa­gen über jeden Zwei­fel erha­ben sein wird, ob die­ser grund­le­gen­den Ver­än­de­run­gen? Oder könn­te es auch ganz anders lau­fen?

Die Demo­kra­tie ist nie sicher, aber das hat nicht nur etwas mit Digi­ta­li­sie­rung zu tun. Das haben wir ja nun in der deut­schen Geschich­te sehr schmerz­haft erfah­ren, dass es gar nicht so schwer ist, eine Demo­kra­tie wie­der umzu­schmei­ßen, weil sie eben eine zeit­auf­wen­di­ge und anstren­gen­de Form des Zusam­men­le­bens ist. Und man­che es sich auch ger­ne leicht machen und ein­fach sagen: „Wir brau­chen einen star­ken Men­schen, der bestimmt, wo es lang geht und dann haben wir es alle beque­mer.“ Die Digi­ta­li­sie­rung öff­net in dem Zuge auch durch­aus Chan­cen, gera­de, weil Sie sagen, es bil­den sich neue Grup­pen. Es gibt ja jetzt auch neue Mög­lich­kei­ten, zum Bei­spiel, wenn man ein ganz absei­ti­ges Inter­es­se hat, die in dem klei­nen Dorf, in dem man wohnt, über­haupt nie­man­den inter­es­sie­ren. Durch die Digi­ta­li­sie­rung kann man jetzt ganz schnell eine gan­ze Com­mu­ni­ty fin­den, die sich damit beschäf­tigt. Mein Vater sam­melt mecha­ni­sche Arm­band­we­cker und -uhren. Da gibt es auf der Welt viel­leicht fünf­zig Leu­te, die das inter­es­siert, aber die fünf­zig kennt er jetzt alle. Sol­che Din­ge eröff­nen da ganz neue Mög­lich­kei­ten. Wir müs­sen nur echt auf­pas­sen, dass wir Hate­bub­bles ver­mei­den: Da fängt einer an und dann explo­diert das total und alle stür­zen sich auf jeman­den. Beim Mob­bing oder auch im poli­ti­schen Kon­text pas­siert das natür­lich oft. Oder auch bei geziel­ten Falsch­mel­dun­gen, bei Mani­pu­la­tio­nen. Das sind Sachen, bei denen wir wirk­lich ein­grei­fen müs­sen, das gefähr­det sonst die Demo­kra­tie.

Katarina Barley EduCouch

Kata­ri­na Bar­ley: “Die Digi­ta­li­sie­rung selbst ist ja erst mal nur eine Tech­nik. Aber die hat Fol­gen, gera­de, wenn man die sozia­len Netz­wer­ke ansieht, dass sich die­se Ver­ein­ze­lung von bestimm­ten Grup­pen beschleu­nigt und ver­stärkt.” — Foto: Ben­ja­min Heinz

Wenn Sie es auf den Punkt brin­gen müss­ten, was sind die größ­ten Gefah­ren der Digi­ta­li­sie­rung und was sind die größ­ten Chan­cen?

Die größ­ten Chan­cen habe ich schon ver­sucht zu beschrei­ben. Dass wir die­sen Zugang zu Men­schen und zu Wis­sen haben, das war vor­her über­haupt nicht vor­stell­bar. Die größ­ten Gefah­ren bestehen dar­in, dass Sicher­heit ver­lo­ren geht. Wenn alle Infor­ma­tio­nen gleich­wer­tig sind und es dazwi­schen kein Medi­um mehr gibt, das bewer­tet, wie das ein seriö­ser Ver­lag tut oder ein seriö­ses Medi­um, dann kann zum einen auch jeder Unfug geglaubt wer­den, wenn man ihn nur hübsch ver­packt und es scheint zum ande­ren dann so als wäre jede Mei­nung gleich viel wert oder gleich berech­tigt. Dabei gibt es gera­de in Deutsch­land Mei­nun­gen, bei denen wir sagen, das geht nicht. Also zum Bei­spiel, wenn man den Holo­caust leug­net oder wenn man Juden ver­un­glimpft, oder auch, wenn man sich homo­phob äußert. Und da besteht auch eine Gefahr, dass es alles auf glei­cher Augen­hö­he ist, weil es das tech­nisch ist, aber eben nicht von unse­ren Wer­ten her. Das ist eine ech­te Her­aus­for­de­rung.

Wenn alle Infor­ma­tio­nen gleich­wer­tig sind und es dazwi­schen kein Medi­um mehr gibt, das bewer­tet, wie das ein seriö­ser Ver­lag tut oder ein seriö­ses Medi­um, dann kann zum einen auch jeder Unfug geglaubt wer­den, wenn man ihn nur hübsch ver­packt” — Kata­ri­na Bar­ley

Nun habe ich in der SPD-Zeit­schrift Vor­wärts letz­tens die Schlag­zei­le gele­sen, dass die Digi­ta­li­sie­rung “nur mit der SPD gelin­gen kann”. Eine Aus­sa­ge aus dem Buch von Thors­ten Schä­fer-Güm­bel, „Die sozi­al­di­gi­ta­le Revo­lu­ti­on“. Sie wer­den die Fra­ge erah­nen: War­um kann Digi­ta­li­sie­rung nur mit der SPD gelin­gen?

Das muss man jetzt erklä­ren, wie es gemeint ist. Also Digi­ta­li­sie­rung tech­nisch, kann man natür­lich auch ohne die SPD machen. Aber, ent­stan­den aus der Arbei­ter­be­we­gung, hat­ten wir immer einen Auf­trag: Wenn sich in der Gesell­schaft ganz fun­da­men­ta­le Ver­än­de­run­gen erge­ben, damals Indus­tria­li­sie­rung, spä­ter auch die Auto­ma­ti­sie­rung, jetzt Glo­ba­li­sie­rung und Digi­ta­li­sie­rung, dann war es immer unse­re Auf­ga­be, die Auf­ga­be der Sozi­al­de­mo­kra­tie, zu sehen, dass die Men­schen da mit­ge­hen kön­nen. Also, dass das nicht auf Kos­ten der ganz nor­ma­len Leu­te geht. Und das ist auch jetzt so. Wir müs­sen bei der Digi­ta­li­sie­rung schon gucken: Wer pro­fi­tiert davon? Wie ich das ein­gangs sag­te beim Arbeits­markt, dass eben nicht die­je­ni­gen, die weni­ger qua­li­fi­ziert sind und nicht so eine hohe Aus­bil­dung haben, dann völ­lig hin­ten run­ter­fal­len. Das ist immer unse­re Auf­ga­be gewe­sen. Und so, den­ke ich, ver­steht Thors­ten Schä­fer-Güm­bel das. Digi­ta­li­sie­rung gelin­gen heißt, dass man die gan­ze Gesell­schaft mit­neh­men muss, und nicht, dass Ein­zel­ne davon gewal­tig pro­fi­tie­ren und ande­re völ­lig raus sind.

Nun ist die SPD ja in kei­ner ganz ein­fa­chen Lage. Es gibt ja zum Bei­spiel eine Debat­te dar­über, wo im poli­ti­schen Spek­trum sie sich zukünf­tig ver­or­ten soll. Und ich fra­ge ganz bewusst, viel­leicht auch biss­chen zuge­spitzt: Ist das so ganz falsch, wenn man sagt, die älte­re Kli­en­tel, die Arbei­ter und Ange­stell­ten wan­dern sehr stark von der SPD weg und es ist Ihnen noch nicht gelun­gen, die neu­en Arbeit­neh­mer, zum Bei­spiel gera­de in der Digi­tal-Bran­che, so zu gewin­nen, dass die­ses Kon­zept, die Gesell­schaft zusam­men zu hal­ten, alle mit­zu­neh­men, jedem eine Chan­ce zu geben, tat­säch­lich schon über­zeu­gend ange­nom­men wird? Wie sehen Sie das?

Es ist rich­tig, dass wir im Moment zu kämp­fen haben. Das ist jetzt aber kei­ne Fra­ge von Alters­grup­pen oder Berufs­stän­den. Klar ist: Wir sind eine ganz tra­di­ti­ons­rei­che Par­tei und wir sind ent­stan­den aus der Arbei­ter­schaft. Und die­se klas­si­sche Arbei­ter­schaft in dem Sin­ne gibt es natür­lich kaum noch, das stimmt. Selbst die­je­ni­gen, die noch etwas fabri­zie­ren, tun das ja nicht mehr auf die Art und Wei­se und unter den Bedin­gun­gen, wie das damals war. Im Übri­gen auch Dank der Sozi­al­de­mo­kra­tie und den Gewerk­schaf­ten. Wir haben jetzt natür­lich ähn­li­che Her­aus­for­de­run­gen, aber in die Moder­ne trans­por­tiert. Es sind eigent­lich eher die Älte­ren, die der Sozi­al­de­mo­kra­tie sehr treu sind. Wir gewin­nen aber auch vie­le Neue dazu. Gera­de im digi­ta­len Bereich haben wir eine ganz vita­le Sze­ne.

Wir sind ja im Übri­gen bei Wei­tem von den Mit­glie­dern her immer noch die größ­te Par­tei. Man sieht immer auf die­se Umfra­ge­wer­te und je nach­dem auch auf das Wahl­er­geb­nis und denkt: “Oh Gott, die gibt es bald nicht mehr”. Wir haben 450.000 Mit­glie­der. Die AfD hat irgend­was um die 20.000, glau­be ich. Wir sind also eine star­ke, tra­di­ti­ons­rei­che Volks­par­tei. Aber Sie tref­fen glau­be ich schon den Punkt. Die­ses Zusam­men­hal­ten ist im Moment nicht so ange­sagt. Im Moment geht es eher um die­ses “Was springt eigent­lich für mich dabei rum, sowohl wirt­schaft­lich als auch gesell­schaft­lich, als auch poli­tisch?”. Es ist ja kein Wun­der, dass die Rechts­po­pu­lis­ten über­all in der Welt Auf­schwung haben. Das ist kein deut­sches Pro­blem und auch kein SPD-Pro­blem. Das ist ein euro­päi­sches und sogar ein glo­ba­les Pro­blem, wenn wir zum Bei­spiel in die USA gucken.

Und nun gibt es ja bei Ihnen kon­zep­tio­nel­le Über­le­gun­gen, sich da neu auf­zu­stel­len. Viel­leicht kön­nen Sie ein paar Stich­wor­te sagen. Ist die Ant­wort auf sozia­le Ver­wer­fung durch Digi­ta­li­sie­rung Grund­ein­kom­men zum Bei­spiel? Wie geht man mit den raschen Ver­än­de­run­gen von Lebens­si­tua­tio­nen um? Wie haben wir Hal­te­sys­te­me, die Leu­te nicht ins Boden­lo­se fal­len­las­sen, auch, wenn sich durch Digi­ta­li­sie­rung ihr Leben dann sehr schnell ändern kann? Wei­ter­bil­dung – Wie kön­nen wir das wirk­lich in unser Lebens­emp­fin­den so inte­grie­ren, dass wir das akzep­tie­ren: Pha­sen von Arbei­ten und Pha­sen von Ler­nen, und auch bei­des gleich­zei­tig zu haben. Kön­nen Sie da so zwei, drei Stich­wor­te nen­nen, die uns Mut machen kön­nen?

Ja, klar. Ich habe eine gan­ze Rei­he Stich­wor­te jetzt sofort im Kopf. Ich ver­su­che das mal auf weni­ge zu redu­zie­ren. Ich fin­de den ganz span­nen­den Aspekt, den Sie am Ende ange­spro­chen haben, dass unse­re Arbeits­bio­gra­phi­en nicht mehr so aus­se­hen, wie vor 30, 40 oder 50 Jah­ren. Und wenn ich auf mei­ne Kin­der schaue, die wol­len auch gar nicht mehr in einen Betrieb ein­tre­ten und dort ihr Leben lang tätig sein, son­dern die wol­len auch Ver­än­de­rung. Und genau das ist der Punkt. Und des­we­gen wol­len wir zum Bei­spiel, dass man nicht mehr die­se klas­si­sche Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung hat, die halt nur im Fal­le von Arbeits­lo­sig­keit greift, son­dern wir wol­len, dass Men­schen die Mög­lich­keit haben, sol­che ande­ren Pha­sen auch zu haben und auch finan­zie­ren zu kön­nen. Das hat­te Andrea Nah­les auch im Wahl­kampf sehr stark gemacht. Das ist eine Idee, die auch in Frank­reich dis­ku­tiert wur­de, dass man so eine Art Gut­ha­ben hat, wo man auch mal sagen kann “Ich mache jetzt mal ein Sab­ba­ti­cal”, “Ich gehe jetzt mal ein Jahr ins Aus­land” oder was auch immer. Dar­auf wol­len wir reagie­ren.

Wir fan­gen jetzt auch schon ganz kon­kret an, mit dem Umbau von der Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung in eine Arbeits­ver­si­che­rung, so nen­nen wir das. Indem wir halt beim The­ma Wei­ter­bil­dung sagen, da soll man nicht nur erst die Chan­ce haben, wenn man arbeits­los ist, son­dern schon vor­her. Das ist das eine. Ich will noch einen zwei­ten Aspekt nen­nen, den Andrea Nah­les auch ganz stark macht. Das ist die Fra­ge, was pas­siert eigent­lich mit den gan­zen Daten? Wer hat eigent­lich was davon? Wem gehö­ren die eigent­lich und wer soll Nut­zen davon haben? Und da sagen wir halt, das kann nicht sein, dass wir alle ohne, dass wir irgend­was dage­gen tun kön­nen, stän­dig Daten von uns geben und dann irgend­je­mand dar­aus Pro­fit schlägt und nie­mand anders hat einen Nut­zen davon. Son­dern, dass das zurück­geht auch zur All­ge­mein­heit, gege­be­nen­falls auch zu dem­je­ni­gen selbst, von dem die Daten stam­men. Also, dass man die­sen enor­men Pro­fit, der in die­sen Daten steckt, auch wie­der zurück­gibt. Sowohl in die Gesell­schaft als auch zu denen, von denen sie kom­men. Das ist auch ein ganz span­nen­des Pro­jekt. Aber man könn­te dar­über noch viel mehr erzäh­len.

Krie­gen wir dann so eine Art Bun­des­da­ten­ver­wal­tung?

Ja, das ist natür­lich genau die Fra­ge. Ich glau­be, da hat sich auch was ver­än­dert. Ich habe in der Rechts­an­walts­kanz­lei begon­nen, die damals das Volks­zäh­lungs­ur­teil erstrit­ten hat. Und wenn ich mir vor­stel­le, woge­gen wir uns damals gewehrt haben, was heu­te völ­lig selbst­ver­ständ­lich ist, das ist schon span­nend. Es wird nicht so was ganz Büro­kra­ti­sches wer­den, das soll es nicht. Son­dern, wenn ich mir zum Bei­spiel vor­stel­le, was Unter­neh­men wie Face­book, Goog­le oder Airb­nb für Daten haben. Wenn man die­se Mono­pol-Kon­zer­ne dazu ver­pflich­ten könn­te, anony­mi­siert die­se Daten zur Ver­fü­gung zu stel­len, zum Bei­spiel Airb­nb oder Uber, was könn­te man erfah­ren was zum Bei­spiel Stadt­pla­nung betrifft. Oder was Tou­ris­mus betrifft. Was könn­te eine Stadt, eine Kom­mu­ne davon haben, sol­che Daten zur Ver­fü­gung zu bekom­men? Das dür­fen kei­ne per­sön­li­chen Daten sein. Nie­mand soll wis­sen, wo Sie oder ich Urlaub machen. Son­dern, dass eine Stadt erfährt, wo ist ein Hot­spot, wo ent­wi­ckelt sich da was. Oder auch Ver­kehrs­strö­me. Da ist ganz viel vor­stell­bar und da sind wir noch ganz am Anfang der Ent­wick­lung.

Es sagen zwar immer alle, ich habe ja nichts zu ver­ber­gen, aber am Ende des Tages will man viel­leicht doch nicht, dass jeder wirk­lich alles von einem weiß.” — Kata­ri­na Bar­ley

Ich fra­ge unse­re Gäs­te am Ende immer ger­ne, ob sie so was wie ein digi­ta­les Cre­do haben, für das Leben in der digi­ta­len Welt. Haben Sie so einen Grund­satz, den Sie viel­leicht uns auch emp­feh­len kön­nen, wie wir mit allem klar­kom­men kön­nen, bei der Digi­ta­li­tät?

So ein rich­ti­ges Cre­do habe ich nicht, aber ich fin­de, dass wir das genie­ßen soll­ten, die neu­en Mög­lich­kei­ten, die sich uns eröff­nen. Aber qua Amt, wie gesagt, schon auch ein biss­chen auf­pas­sen, dass man sich sel­ber nicht total glä­sern macht. Es sagen zwar immer alle, ich habe ja nichts zu ver­ber­gen, aber am Ende des Tages will man viel­leicht doch nicht, dass jeder wirk­lich alles von einem weiß.