Das Inter­view führ­te Vero­ni­ka Ober­mei­er.

Wir freu­en uns heu­te einen ganz beson­de­ren Gast aus der Schweiz bei uns zu haben: Phil­ip­pe Wampf­ler. Ich weiß gar nicht, Phil­ip­pe, wo ich anfan­gen soll bei dei­nen Tätig­kei­ten. Du bist Leh­rer, Dozent, Autor, Blog­ger, Inter­view­part­ner und Stim­me der neu­en Digi­ta­len Medi­en und des neu­en Ler­nens. Habe ich das so rich­tig for­mu­liert?

Phil­ip­pe Wampf­ler: Also ich ver­ste­he mich haupt­säch­lich als Leh­rer, aber natür­lich doku­men­tie­re ich auch vie­les von dem, was ich mache, im Netz und ver­su­che, mich da mit Leu­ten aus­zu­tau­schen, um auch Ein­bli­cke in ande­re Prak­ti­ken und neue Ide­en zu bekom­men. Es ist für mich eine gro­ße Chan­ce, im Netz mit so vie­len Leu­ten in Ver­bin­dung zu ste­hen, Din­ge wahr­zu­neh­men und Über­le­gun­gen anstel­len zu kön­nen. Das war vor­her viel schwie­ri­ger oder in die­sem Set­ting gar nicht denk­bar.

Ich arbei­te an einem mul­ti­me­dia­len Deutsch­lehr­werk. Und zu Beginn die­ser Arbeit habe ich mich gefragt, was denn mei­ne Visi­on des per­fek­ten Deutsch­un­ter­rich­tes wäre, ohne Beschrän­kun­gen oder Hin­der­nis­se. Was wäre denn dei­ne Visi­on, wie soll­te der Deutsch­un­ter­richt aus­schau­en?

Zunächst ein­mal müss­te er sich ein biss­chen stär­ker auf Kul­tur im All­ge­mei­nen bezie­hen. Spra­che wird in ganz ver­schie­de­nen Set­tings ein­ge­setzt, häu­fig jetzt auch in Ver­bin­dung mit Bil­dern, zum Bei­spiel beweg­ten Bil­dern und gespro­che­ner Spra­che im Netz. Der Deutsch­un­ter­richt bezieht sich noch zu stark auf eine ganz tra­di­tio­nel­le Form der Bel­le­tris­tik und der Lite­ra­tur­pro­duk­ti­on. Da wür­de ich mir eine Erwei­te­rung wün­schen und dann auch, dass man die mul­ti­me­dia­len Mög­lich­kei­ten, die jedes Smart­pho­ne oder Tablet bie­tet, auch wirk­lich umfas­send nutzt. Also zum Bei­spiel, dass man Tex­te spricht oder Bil­der zu dem Geschrie­be­nen hin­zu­fügt. Ich glau­be, das wäre eine Ent­wick­lungs­schie­ne, die ich bevor­zu­gen wür­de.

Und dann den­ke ich, dass sich der Deutsch­un­ter­richt stär­ker auf das Ler­nen der Kin­der oder Jugend­li­chen bezie­hen müss­te. So, dass man nicht von der Lehr­per­son aus dem Unter­richt lenkt, son­dern von den Lern­schrit­ten her. Denn wes­halb soll­ten alle gleich­zei­tig am glei­chen Text oder am glei­chen The­ma arbei­ten, wenn es ganz unter­schied­li­che Inter­es­sen und Lern­be­dürf­nis­se gibt? Im Deutsch­un­ter­richt sieht man da ein gro­ßes Dilem­ma. Sehr oft hört man, dass die Jungs ein biss­chen ver­ges­sen wer­den. Also dass man Tex­te liest, die beson­ders für Schü­le­rin­nen attrak­tiv sind, dafür aber weni­ger für die Jun­gen oder die jun­gen Män­ner. Die wer­den davon etwas abge­schreckt und den­ken „Das ist eigent­lich nichts für mich“. Könn­te man den Unter­richt indi­vi­dua­li­sie­ren, gäbe es viel mehr Mög­lich­kei­ten, die Moti­va­ti­on höher zu hal­ten.

Hat sich denn das Lesen oder das, was Schü­ler oder jun­ge Leu­te an Lesen ler­nen müs­sen, ver­än­dert? Wan­delt sich das gera­de?

Ja. Einer­seits muss man immer noch, um wirk­lich Fach­per­son auf einem Gebiet zu wer­den, lan­ge dif­fe­ren­zier­te und schwie­ri­ge Tex­te lesen kön­nen. Das hat sich nicht ver­än­dert. Wer wirk­lich gut lesen kann, kann auch all die Tex­te lesen, die schon vor 50 Jah­ren bedeut­sam waren. Aber das Lesen im All­tag ist ein ande­res gewor­den. Es ist weni­ger line­ar, hat vie­le Sprün­ge und steht auch immer in Kon­kur­renz zu ande­ren Ange­bo­ten. Das ver­än­dert natür­lich die gan­ze Auf­merk­sam­keits­struk­tur, da muss der Deutsch­un­ter­richt auch ein biss­chen Rück­sicht neh­men, da das Kin­der sind, die ganz anders auf­ge­wach­sen und vor allem mit ande­ren Medi­en groß gewor­den sind.

Ich habe kürz­lich bei einer Tagung, nach­dem es am Anfang so die­se Gruß­wor­te gab, erklärt, dass die Auf­merk­sam­keit bei Net­flix eigent­lich so ist, dass man das Intro über­sprin­gen kann. Das heißt das Lang­wei­li­ge am Anfang kann man über­sprin­gen, also könn­te man auch die­se Begrü­ßungs­pha­se über­sprin­gen und ein­fach sagen „Ja, jetzt legt mal los“. Das ist eine Anek­do­te, aber es ist gleich­zei­tig auch Ernst. Man wird trai­niert, hat schon so und so vie­le Fol­gen gese­hen und schon so und so oft Skip gedrückt, hat also eine gewis­se Kon­trol­le dar­über. Die eige­ne Auf­merk­sam­keit passt sich dar­an an und das über­trägt sich dann natür­lich auch auf den Deutsch­un­ter­richt. Das soll­te berück­sich­tigt wer­den, aber auf der ande­ren Sei­te soll­te dem natür­lich auch etwas gegen­ge­steu­ert wer­den. Es soll­ten Anrei­ze geschaf­fen, damit man auch mal etwas län­ger an einem Text bleibt. Ich den­ke, es ist ein­fach ein Trai­ning nötig, um auch an furcht­bar lan­gen Tex­ten dran­zu­blei­ben und nicht gleich auf­zu­ge­ben. Man muss doch auch irgend­wie mehr leis­ten, sich auch etwas über­win­den und Geduld haben, das kann sich auch loh­nen. So etwas zu ver­mit­teln, das scheint mir schon wich­tig zu sein.

Phillipe Wampfler im Gespräch mit Veronika Obermeier auf der EduCouch

Phil­ip­pe Wampf­ler: “Ich fin­de wich­tig, dass man nicht denkt ‘So wie ich schrei­be oder lese, so müs­sen es auch die Kin­der und Jugend­li­chen machen, weil das rich­tig ist’, son­dern dass man merkt: ‘Ich mache es auf eine Art und es gibt ande­re Arten’ Und wenn man das ändert, sieht man auch die ganz neu­en For­men.” — Foto: Miguel Kratzer/watson

Ich habe so den Ein­druck, wenn man mit Kol­le­gen oder auch Nicht-Kol­le­gen spricht, dann sagen alle: „Es wird alles viel schlech­ter, die Jugend kann schlech­ter lesen und schrei­ben und sie kön­nen sich nicht mehr kon­zen­trie­ren“ Bei dir höre ich jetzt her­aus, dass du weni­ger pes­si­mis­tisch bist, son­dern nur eine Ver­än­de­rung siehst, die bei­des erfor­dert. Man muss noch so wie frü­her die gedruck­ten Tex­te lesen und damit umge­hen kön­nen, aber man muss sich auch in dem Neu­en bewe­gen kön­nen. Betrifft das auch das Schrei­ben?

Ja. Ich fin­de wich­tig, dass man nicht denkt „So wie ich schrei­be oder lese, so müs­sen es auch die Kin­der und Jugend­li­chen machen, weil das rich­tig ist“, son­dern dass man merkt: „Ich mache es auf eine Art und es gibt ande­re Arten“ Und wenn man das ändert, sieht man auch die ganz neu­en For­men. Beim Schrei­ben gibt es die­sen Satz von einem ame­ri­ka­ni­schen Schreib­di­dak­ti­ker der sagt, dass jun­ge Men­schen noch nie so viel geschrie­ben haben wie heu­te. Das ändert sich jetzt gera­de, auch weil die­se Chat­pro­gram­me natür­lich auch immer stär­ker visu­ell und mit gespro­che­nen Tex­ten ope­rie­ren, aber man muss gleich­zei­tig gut chat­ten kön­nen. Das heißt, um sozi­al erfolg­reich zu sein muss man heu­te über sehr gute Schreib­kom­pe­ten­zen ver­fü­gen. Nur sind die­se Schreib­kom­pe­ten­zen immer infor­mell und das Schrei­ben an der Schu­le ist in for­mel­len Kon­tex­ten.

Es gibt zum Bei­spiel so eine gro­ße Stu­die, bei der Kin­dern Tier­fil­me gezeigt wur­den und dann muss­ten sie beschrei­ben, was sie dort sehen. Das wur­de in den 70er Jah­ren gemacht und dann zwei Mal mit 10 Jah­ren Abstand. Und dann hat man fest­ge­stellt, dass die Kin­der heu­te viel schlech­ter schrei­ben. Und mit einem kri­ti­schen Blick dar­auf stellt man fest: In den 70ern haben die Schü­ler die Schu­le ein­fach als viel stär­ker for­ma­les Set­ting begrif­fen und haben gewusst, wenn unser Leh­rer sagt „Ihr müsst jetzt etwas schrei­ben“ dann müs­sen wir es auf die Art schrei­ben, wie wir in der Schu­le immer schrei­ben. Und heu­te, wenn da jemand kommt und einen Tier­film abspielt, dann den­ken sie, dass das ein biss­chen Frei­zeit oder mal etwas locke­rer ist und sie dann auch etwas locke­rer schrei­ben kön­nen. Und das bedeu­tet, das Schrei­ben ist auch immer ganz stark an Nor­men, an Erwar­tun­gen von einem Ziel­pu­bli­kum gebun­den. Und dann muss man sich auch über­le­gen: Wer liest die­se Tex­te, wenn wir in der Schu­le schrei­ben? Schrei­ben wir für jeman­den und was sol­len die bewir­ken? Und was sind auch zeit­ge­mä­ße Kon­tex­te? Mit klas­si­scher Auf­satz­leh­re kann man die Leu­te heu­te nicht mehr abho­len. Da gibt es ein­fach viel mehr Mög­lich­kei­ten als die­se Art von Schreib­di­dak­tik.

Da stim­me ich dir voll­kom­men zu. Du hast ja auch viel über dei­nen neu­en Lite­ra­tur­be­griff für den Deutsch­un­ter­richt geschrie­ben und beschäf­tigst dich auch viel mit Com­pu­ter­spie­len und was sie für den Deutsch­un­ter­richt bedeu­ten kön­nen. Kannst du das ein­mal genau­er erklä­ren?

Ja. Ges­tern habe ich ein Gespräch aus­ge­hend von einer ethi­schen Fra­ge geführt. Und zwar gibt es eine For­mu­lie­rung des kate­go­ri­schen Impe­ra­tivs bei Kant, die sagt, man soll Men­schen immer nur als Ziel oder Zweck einer Hand­lung betrach­ten und nicht als Mit­tel. Also man darf Men­schen nicht instru­men­ta­li­sie­ren, son­dern wenn man han­delt, muss man für die Men­schen han­deln und nicht mit den Men­schen. Man kann das im All­tag auch sehr gut sehen und recht gut ethi­sche Pro­blem dar­auf anwen­den, aber bei Com­pu­ter­spie­len dage­gen ist das so: Ich bin in einem Spiel drin, da sind ande­re Akteu­re. Men­schen, die da eine Rol­le spie­len und ich benut­ze sie nur um das Spiel­ziel zu errei­chen. Man kann sich also fra­gen, ob das ethisch soweit kor­rekt ist.

Online-Video­spie­le sind etwas, was zuneh­mend den All­tag von jun­gen Men­schen bestimmt, und es ist auch eine Art von Liter­acy, also von Lese­fä­hig­keit, dass man sich in die­sen Spie­len zurecht­fin­det.” — Phil­ip­pe Wampf­ler

Noch stär­ker ist es dann bei die­sen Mul­ti­play­er-Spie­len, in denen ich eigent­lich mit ande­ren Men­schen zusam­men­spie­le. Da gibt es das soge­nann­te „Fla­ming“. Das heißt: Ich spie­le mit einer Grup­pe und wir ver­su­chen ein Ziel zu errei­chen. Wenn wir die­ses Ziel gemein­sam nicht errei­chen, dann beschimp­fe ich die ande­ren aufs Übels­te. Und das sind schon recht jun­ge Kin­der, die das so erle­ben. Teil­wei­se sagen mir 12- oder 13-Jäh­ri­ge: „Ja das ist halt so. So macht man das halt. Das muss ich eben ertra­gen“ Und jetzt scheint mir das etwas zu sein, wo die Schu­le auch die Auf­ga­be hat die­se ethisch-mora­li­sche Fra­gen zu stel­len. Was ist das für ein Ver­hält­nis, was du mit die­sen Mit­spie­lern hast? Was pas­siert da auch sprach­lich? Was macht das mit dir? Stumpfst du ab oder ist das etwas, was du wirk­lich ertra­gen kannst? Dafür ein Ver­ständ­nis zu ent­wi­ckeln und zu sehen, wie die­se Com­pu­ter­spie­le als Tex­te funk­tio­nie­ren, was für Geschich­ten sie erzäh­len, was für Sinn­zu­sam­men­hän­ge sie her­stel­len, das scheint mir schon sehr wich­tig zu sein. Und es ist etwas, was zuneh­mend den All­tag von jun­gen Men­schen bestimmt, und es ist auch eine Art von Liter­acy, also von Lese­fä­hig­keit, dass man sich in die­sen Spie­len zurecht­fin­det. Dann ein­fach zu sagen „Ja ich spie­le jetzt als Leh­rer nicht beson­ders gern“ oder „Ich inter­es­sie­re mich nicht so dafür“ scheint mir dann kein ganz zuläs­si­ges Argu­ment zu sein, um sich die­sen Fra­gen ein­fach zu ver­wei­gern.

Also wäre ein ers­ter Schritt, dass sich die Leh­rer über­haupt ein­mal öff­nen und sich mal anschau­en, was denn die Schü­ler da über­haupt so tun. Und wenn sie selbst kei­ne Net­flix Seri­en schau­en, dass sie sich mal die lite­ra­ri­sche Struk­tur einer sol­chen Seri­en angu­cken. Wie krie­gen wir denn die Leh­rer dazu?

Ich glau­be ein ein­fa­ches Instru­ment ist es, zu sagen: „Jetzt machen wir ein­mal Wei­ter­bil­dung anders­rum, jetzt sagt mir mal was ihr so spielt“ Also dass man ja so eine Pro­jekt­wo­che oder so einen spe­zi­el­len Halb­tag machen kann und sie ihre Play­sta­ti­on mit­brin­gen und zei­gen, was sie so spie­len und dann erklä­ren, was man da machen muss. Das gibt dann auch gleich den Schü­le­rin­nen und Schü­lern eine gewis­se Ver­ant­wor­tung und da kann man natür­lich auch eine Grup­pe aus dem Kol­le­gi­um zusam­men­ho­len. Das ist dann natür­lich nicht der Schul­all­tag, son­dern soll ein­fach zei­gen, dass man sich dafür inter­es­siert und das ernst­nimmt. Und vie­le Leh­re­rin­nen und Leh­rer erle­ben das bei den eige­nen Kin­dern mit. Das ist meist so ein Schritt, bei dem sie zuerst „Ich habe damit gar nichts zu tun“ und dann plötz­lich „Mei­ne Kin­der spie­len das jetzt auch, ich ver­ste­he jetzt so lang­sam wie das geht“ sagen.

Ich glau­be, das müss­te etwas sys­te­ma­ti­scher pas­sie­ren. Natür­lich gibt es vie­le Stim­men, die sagen, der Umgang mit digi­ta­len Tex­ten müs­sen stär­ker auch in der Lehr­aus­bil­dung ver­an­kert wer­den. Das hängt dann natür­lich wie­der stark an der tech­ni­schen Aus­stat­tung der Schu­le. Wenn ich sage “Ich habe hier ein Schul­zim­mer, aber es ist unmög­lich, dass wir dort irgend­ein Com­pu­ter­spiel anschau­en”, dann ver­hallt so mei­ne For­de­rung natür­lich ein biss­chen in den feh­len­den Mög­lich­kei­ten. Inso­fern braucht es halt schon ver­schie­de­ne Vor­aus­set­zun­gen wie zum Bei­spiel Lehr­aus­bil­dung, sys­te­ma­ti­sche Aus­bil­dung oder Aus­stat­tung der Schu­le. Und dann auch die Bereit­schaft, einen Dia­log mit den Schü­le­rin­nen und Schü­lern zu füh­ren, damit das über­haupt mög­lich wird.

Also das ist jetzt eher ein Plä­doy­er, dass alle Leh­rer sich mit die­ser The­ma­tik aus­ein­an­der­set­zen sol­len und es nicht damit getan ist, dass man Infor­ma­tik zum Pflicht­fach macht?

Nein, abso­lut nicht. Also ich spre­che jetzt mal über den Deutsch­un­ter­richt, aber das gilt natür­lich auch für den Geschichts­un­ter­richt, da gibt es auch vie­le Zugän­ge über Com­pu­ter­spie­le, zum Bei­spiel wenn ich in einem Com­pu­ter­spiel erle­be, wie ein Sys­tem, eine Gesell­schaft zusam­men mit der Wirt­schaft und der Poli­tik funk­tio­niert und was so his­to­ri­sche Ver­än­de­run­gen bedeu­ten. Das­sel­be gilt dann natür­lich auch für Bio­lo­gie, dass ich mir sol­che Din­ge wirk­lich auch inten­siv vor Augen hal­ten kann, aber ich wür­de jetzt sagen, dass das bei der Kul­tur oder bei der Text­ar­beit das die wesent­lichs­te Ver­än­de­rung ist. Man geht im Deutsch­un­ter­richt noch stark davon aus, dass der Roman eigent­lich die domi­nan­te Form ist eine Erzäh­lung zu prä­sen­tie­ren, und das ist ein­fach seit 20 Jah­ren nicht mehr wahr. Vor 20 Jah­ren ist die Serie als haupt­säch­li­che Erzähl­form auf­ge­kom­men und vor 10 Jah­ren wur­de sie sicher abge­löst durch das Com­pu­ter­spiel. Die meis­ten Leu­te schau­en oder erle­ben Erzäh­lun­gen in die­ser Form. Und das dann ein­fach aus­zu­blen­den und zu sagen „Ja das ist irgend­wie nicht hoch genug für mich, um als Kul­tur zu gel­ten. Obwohl ich mich gar nicht aus­ken­ne, was eigent­lich die­se Com­pu­ter­spie­le erzäh­len“ ist eine sehr igno­ran­te Posi­ti­on, die aber trotz­dem vie­le Leu­te ver­tre­ten. Und ich glau­be, es braucht gar nicht so viel um die Bereit­schaft auch zu wecken, sich damit ein­mal aus­ein­an­der­zu­set­zen und sich das anzu­se­hen.

Man geht im Deutsch­un­ter­richt noch stark davon aus, dass der Roman eigent­lich die domi­nan­te Form ist eine Erzäh­lung zu prä­sen­tie­ren, und das ist ein­fach seit 20 Jah­ren nicht mehr wahr. Vor 20 Jah­ren ist die Serie als haupt­säch­li­che Erzähl­form auf­ge­kom­men und vor 10 Jah­ren wur­de sie sicher abge­löst durch das Com­pu­ter­spiel.” — Phil­ip­pe Wampf­ler

Du hast ja auch ein­mal Ele­men­te aus Com­pu­ter­spie­len, die man für das Ler­nen ins­ge­samt nut­zen könn­te, beschrie­ben. Da fand ich auch sehr span­nend, dass man die Intros zu Com­pu­ter­spie­len auf das Ler­nen über­tra­gen könn­te. Ich habe mir über­legt wie das im Deutsch­un­ter­richt gehen könn­te, bin aber auf nichts Kon­kre­tes gekom­men. Hast du da eine Idee dazu oder hast du es sogar schon ein­mal aus­pro­biert?

Ja. Viel­leicht noch ein ande­res Bei­spiel: Die­se Com­pu­ter­spie­le, das ist ja ein knall­har­ter Markt. Es kos­tet recht viel, ein Com­pu­ter­spiel zu machen, und dann muss man es so ver­mark­ten, dass das Geld wie­der rein­kommt. Vie­le Com­pu­ter­spie­le schaf­fen das nicht und dann über­le­gen sich die Ent­wick­ler: Wie schaf­fen wir es, dass die User län­ger dran­blei­ben oder dass man das bes­ser mone­ta­ri­sie­ren kann? Da füh­ren die Spie­le zum Bei­spiel so ein Drei-Ster­ne-Sys­tem ein. Wenn man ein Level geschafft hat, kriegt man einen Stern, und wenn man es per­fekt geschafft hat, drei Ster­ne. Dann sehen sie auf­grund der Nut­zer­da­ten, dass sobald sie das Drei-Ster­ne-Sys­tem haben, die Leu­te viel stär­ker bereit sind, zurück­zu­ge­hen und etwas noch ein­mal genau­er anzu­se­hen. Und wenn man jetzt an so ein digi­ta­les Schul­buch denkt und sagt „Du hast eine Lern­ein­heit und jetzt kannst du die mal durch­ar­bei­ten. Und je nach­dem wie­viel Zeit du damit ver­bringst oder was für Lern­pro­duk­te du her­stellst, dann kriegst du viel­leicht einen Stern, du hast es gemacht, das ist okay. Aber du könn­test auch drei Ster­ne krie­gen, wenn du noch das und das machen wür­dest.“ Und dann kann man davon aus­ge­hen, wenn das so gestal­tet ist, dass die Ler­nen­den wie einen Anreiz haben noch ein­mal zurück­zu­ge­hen und an Din­gen zu fei­len, mit denen sie sonst ein­fach schnell zufrie­den sind. Also dass man, so wie etwas gemacht ist, ein­fach ein bestimm­tes Ver­hal­ten aus­löst.

Das ist das Eine und das Zwei­te ist, dass man bei die­sen Spie­len nicht immer am Anfang groß erklärt bekommt, wozu oder wie man das macht, son­dern man lässt die Erklä­run­gen weg und macht ein­fach mal. Und ich glau­be, das könn­te auch für den Unter­richt eine Berei­che­rung sein, ein­fach zu sagen „Wir star­ten gleich so in das The­ma rein und wir schau­en ein­mal was ihr jetzt damit macht“. So, dass es nicht so über­di­dak­ti­siert wird, im Sin­ne von “Ich habe ein Arbeits­blatt, da steht jetzt ein Gedicht drauf und unten drei Leit­fra­gen und es gibt schon Platz um etwas hin­zu­schrei­ben”, son­dern ein­fach mal zu sagen “Hier ist ein Gedicht und jetzt mach mal etwas damit”. Und wer eine Zeich­nung machen will, der macht eine Zeich­nung.

Das passt ja auch gut zu dei­ner Vor­stel­lung einer agi­len Didak­tik. Weg von der geplan­ten Didak­tik, die genaue Fra­gen hat, egal was die Schü­ler für Pro­ble­me oder Inter­es­sen zu dem The­ma haben. Wie kann ich mir das in der Pra­xis vor­stel­len. Wenn ein Leh­rer eine Unter­richts­stun­de vor­be­rei­tet, haben vie­le glau­be ich ein­fach Angst davor, sich ein­fach mal ins Unge­wis­se zu stür­zen und zu sagen „Naja, da fällt mir dann schon etwas ein“ oder „Da habe ich dann viel­leicht schon etwas dabei, das pas­sen könn­te.“ Wie könn­ten wir ihnen da die Angst neh­men?

Also einer­seits kann man ja sagen, dass Leu­te, die ihr Refe­ren­da­ri­at machen, ganz bestimm­te Rah­men­vor­ga­ben haben. Dass sie in die­sen Lek­tio­nen, die dann auch prü­fungs­re­le­vant sind, häu­fig Unter­richts­plä­ne machen müs­sen und auch dafür bewer­tet wer­den. Aber erfah­re­ne Lehr­kräf­te unter­rich­ten gar nicht mehr so, sie kom­men nie auf die Idee zu sagen „Ich mache mir jetzt mal einen schö­nen Unter­richts­plan“. Und das allein könn­te einen ja schon ein biss­chen ins Grü­beln brin­gen: Wes­halb erwar­tet man von jun­gen Leu­ten das, was die Fach­leu­te nie machen? Also sol­che Plä­ne schrei­ben, das ist so wie die Aus­gangs­idee. Und natür­lich braucht es einen gewis­sen Mut und es braucht eine Kul­tur. Dass man davon aus­ge­hen kann, dass sie einem auch sagt wie das bei ihr ankommt, was für sie Lern­for­men sind und was weni­ger. Und wie man eine Kul­tur schafft, das ist noch schwie­rig anzu­lei­ten.

Das sind klei­ne Schrit­te und es braucht natür­lich immer wie­der Gesprächs­an­ge­bo­te. Am Ende der Lek­ti­on oder der Stun­de fra­ge ich mal die Klas­se, wie das heu­te war. Hat es das gebracht, machen wir das das nächs­te Mal wie­der so oder sol­len wir es anders machen? Und dann ein­fach mal so drei, vier Stim­men hören. Also dass klar ist: Ihr seid auch ein biss­chen dafür ver­ant­wort­lich was hier läuft und ich bin auch bereit, mich umzu­stel­len und wirk­lich auch deut­lich zu machen, dass daskein Lip­pen­be­kennt­nis ist und ich nur fra­ge, damit ich mal gefragt habe, son­dern, dass wir es ändern, wenn sie sagen „Née, machen wir mal lie­ber etwas ande­res“. Zum Bei­spiel: Ich fin­de Dik­ta­te sind didak­tisch kom­plett über­holt. Ich habe nur älte­re Schü­le­rin­nen und Schü­ler am Gym­na­si­um und trotz­dem habe ich eine Klas­se, die das unbe­dingt gewünscht hat. Die woll­ten ein Dik­tat machen. Dann habe ich ein­fach zwei Wochen spä­ter ein Dik­tat gemacht und über­legt: Was könnt ihr ler­nen bei dem Dik­tat, was wollt ihr ler­nen? Wir machen nicht ein­fach irgend­wie ein Dik­tat, son­dern es soll etwas brin­gen und dann haben wir es bespro­chen und geplant. Also agi­le Didak­tik heißt nicht, ich pla­ne gar nichts oder ich brin­ge nichts mit, aber ich weiß viel­leicht am Anfang noch nicht was in den letz­ten 15 Minu­ten geschieht. Je nach­dem kommt viel­leicht eine Fra­ge auf, die so inter­es­sant ist, dass wir ein­fach die Zeit brau­chen, und dann will ich nicht die Lek­ti­on künst­lich schlie­ßen.

Am Ende unse­res Gesprächs, wenn ich es mir so über­le­ge, haben wir jetzt weni­ger über irgend­wel­che Apps oder kon­kre­te digi­ta­le Arbeits­mit­tel gespro­chen, son­dern ganz viel über eine neue Art des Ler­nens an Schu­len. Bist du zufrie­den damit oder hät­test du ger­ne mehr tech­ni­sche Fra­gen bekom­men?

Nein. Also wenn man von die­sen Ansich­ten, die ich jetzt betont habe, zusam­men­fas­se: Man soll­te den Text­be­griff etwas aus­wei­ten, die digi­ta­le Kul­tur all­ge­mein in den Blick neh­men und mal sagen „Ja, wir haben die­se digi­ta­len Mög­lich­kei­ten und wir schau­en uns ein­mal an, was machen denn die Kin­der und Jugend­li­chen in der Frei­zeit“. Und der drit­te Punkt wäre, dass man so ein biss­chen agi­ler wird in der gan­zen didak­ti­schen Gestal­tung. Wenn man das betrach­tet, dann, den­ke ich, ent­deckt man die Tools selbst, die dann für einen funk­tio­nie­ren. Und ich bin nicht so ein Fan davon, den Leu­ten Rezep­te zu geben und zu sagen „Macht jetzt das, macht jetzt das“, son­dern man merkt dann ein­fach, was funk­tio­niert.

Eine Erkennt­nis, die sehr häu­fig auf­tritt, ist, wenn man Lehr­vi­de­os macht, ist, dass man denkt „Ich mache jetzt ein coo­les Video und erklä­re mal etwas“, und wenn man das oft genug gemacht hat merkt man: Eigent­lich ist es wie wenn ich vor der Klas­se ste­he und etwas erklä­re, nur schlech­ter. Weil ich nicht sehe wie die reagie­ren, son­dern ich muss es vor­her schon auf­neh­men. Und dann merkt man: Eigent­lich wäre es cool, die Schü­le­rin­nen und Schü­ler wür­den die Vide­os machen. Weil immer, wenn ich die Vide­os mache, ler­ne ich enorm viel dabei. Also machen sie die Vide­os und das sind eigent­lich nicht Lehr­vi­de­os, son­dern es sind Lern­vi­de­os. Und dabei merkt man: Ich brau­che ein Tool, mit dem auf Smart­pho­ne oder Tablet so ein kna­cki­ges 120 Sekun­den Video machen kön­nen, um etwas zu erklä­ren. Wel­ches Tool das dann ist, das hängt immer noch davon ab, was in mei­nem Bun­des­land gemacht wer­den darf oder was schon instal­liert ist. Aber das spielt gar nicht so eine gro­ße Rol­le, son­dern wich­tig ist, dass ich eine Idee habe was sie machen könn­ten. Und das sind für mich dann immer eher die sehr nie­der­schwel­li­gen Tools, bei denen man nicht vie­le Daten sam­melt, wo man sich viel­leicht gar nicht erst ein­log­gen muss und sehr schnell los­le­gen kann. Und davon gibt es zum Glück ganz vie­le.