„And the win­ner is… das mBook.” — again.

And the win­ner is… das mBook.” — again.

Das mBook Geschich­te hat bei der dies­jäh­ri­gen Ver­lei­hung des Prei­ses Schul­buch des Jah­res die Gold­me­dail­le in der Kate­go­rie „Gesell­schaft“ gewon­nen. Nach­dem die ers­te Gene­ra­ti­on der digi­tal-mul­ti­me­dia­len mBooks des Insti­tuts für digi­ta­les Ler­nen im Jahr 2016 mit dem Son­der­preis für digi­ta­le Bil­dungs­me­di­en aus­ge­zeich­net wor­den war, unter­strei­chen das Georg-Eckert-Insti­tut für Inter­na­tio­na­le Schul­buch­for­schung, der Didac­ta-Ver­band und die Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung mit der dies­jäh­ri­gen Preis­ver­lei­hung, dass die Digi­ta­li­sie­rung des Lehr- und Lern­mit­tel­be­reichs fort­ge­setzt wer­den muss. Die Schu­len sind drin­gend dar­auf ange­wie­sen, den digi­ta­len Mehr­wert für einen zeit­ge­mä­ßen Unter­richt nut­zen zu kön­nen.

Das von Flo­ri­an Sochat­zy und Mar­cus Ventz­ke her­aus­ge­ge­be­ne mBook Geschich­te ist dabei gleich in meh­re­ren Hin­sich­ten revo­lu­tio­när. Es ist zum einen ein län­der­über­grei­fen­des Buch, das auf einer syn­op­ti­schen Zusam­men­füh­rung der Geschichts­lehr­plä­ne aller 16 Bun­des­län­der basiert und bun­des­weit ein­ge­setzt wer­den kann.
Zum ande­ren führt die­ses Buch ein nied­rig­schwel­li­ges und auf die schu­li­schen Abläu­fe per­fekt abge­stimm­tes Lizenz­mo­dell in die ver­krus­te­ten Ver­triebs­struk­tu­ren für Lehr- und Lern­mit­tel ein. Die­ses netz­ba­sier­te Modell hat sich als vol­ler Erfolg erwie­sen: Das mBook Geschich­te wird von Schu­len und Leh­re­rIn­nen in allen Tei­len der Bun­des­re­pu­blik gekauft. Zudem wur­de die bereits für das mBook Geschich­te NRW ent­wi­ckel­te Nut­zer­grup­pen­dif­fe­ren­zie­rung auch bei der Erar­bei­tung des mBook Geschich­te ein­ge­setzt und wei­ter­ent­wi­ckelt: Indi­vi­dua­li­sier­te Zugän­ge erlau­ben die Ver­bin­dung von Schü­ler- und Leh­rer­buch. Unter­rich­ten­de bekom­men damit den punkt­ge­nau für ein­zel­ne Buch­ele­men­te abge­stimm­ten Zugriff auf zusätz­li­che Mate­ria­li­en. Dazu gehö­ren etwa Hin­wei­se zur Unter­richts­pla­nung und -gestal­tung, the­ma­ti­sche Kon­tex­te, Mus­ter­ant­wor­ten, Tafel­bil­der, Hin­wei­se zur För­de­rung des Kom­pe­ten­zen­er­webs, Anre­gun­gen zur Hand­lungs­ori­en­tie­rung etc.

Das mBook Geschich­te ver­weist auf den dis­rup­ti­ven Wir­kung der Digi­ta­li­sie­rung im Bil­dungs­be­reich: Jahr­zehn­te­lang ein­ge­fah­re­ne Kon­ven­tio­nen bei Ver­la­gen, Schu­len und Bil­dungs­trä­gern – etwa die Seg­men­tie­rung des Mark­tes in Bun­des­län­der oder ana­lo­ge Ver­triebs­struk­tu­ren – wer­den sich eben­so radi­kal ändern wie Video-Strea­ming die Fern­seh­nut­zung revo­lu­tio­niert. Zwei Tat­sa­chen sind daher bemer­kens­wert: Zum einen, dass gera­de die­ses mBook Geschich­te in die­sem Jahr Schul­buch des Jah­res gewor­den ist und zum ande­ren, dass die mBook-Spar­te des Insti­tuts für digi­ta­les Ler­nen im Som­mer 2017 von den Cor­nel­sen Bil­dungs­ver­la­gen mit dem Anspruch gekauft, die mBook-Kon­zep­ti­on als Modell für die eige­nen Digi­ta­li­sie­rungs­be­mü­hun­gen zu nut­zen.

Digi­ta­les Ler­nen — Mit Schu­len statt über Schu­len spre­chen

Digi­ta­les Ler­nen — Mit Schu­len statt über Schu­len spre­chen

Vie­le Men­schen haben Angst davor, dass die digi­ta­le Rea­li­tät des 21. Jahr­hun­derts auch im bis dato ver­meint­lich geschütz­ten Klas­sen­zim­mer ankom­men könn­te. Sie hal­ten digi­ta­le Gerä­te für Vor­bo­ten see­len­lo­ser Roboter­leh­rer (J. Gross­rath). Ande­re ver­tre­ten vehe­ment die Auf­fas­sung “Bild­schirm­me­di­en machen dick und unauf­merk­sam, sen­ken die Leis­tung in der Schu­le und füh­ren zu mehr Gewalt in der rea­len Welt (M. Spit­zer). Oder man befürch­tet, dass die Umset­zung digi­ta­len Ler­nens im Unter­richt aus tech­ni­schen Grün­den nicht rea­li­sier­bar sei.

Um die­sen Vor­ur­tei­len und Ängs­ten nach­zu­ge­hen sind wir dort­hin gegan­gen, wo die­se Fra­gen täg­lich viru­lent sind: in eine Schu­le.
Die Real­schu­le am Euro­pa­ka­nal in Erlan­gen stellt sich seit 2011 den digi­ta­len Her­aus­for­de­run­gen. Über 200 Schü­ler ler­nen dort mit Tablets. Die Ziel­set­zung des Tablet-Unter­richts beschreibt die Schu­le dabei so: “Wis­sen ist im Inter­net heu­te in viel­fäl­tigs­ter Wei­se vor­han­den. Man muss aber ler­nen, damit umzu­ge­hen, es zu struk­tu­rie­ren, zu ana­ly­sie­ren und zu prä­sen­tie­ren. Um die­se Kul­tur­tech­nik des 21. Jahr­hun­derts anzu­bah­nen, muss die digi­ta­le Lebens­wirk­lich­keit auch in der Schu­le ankom­men. Das iPad bringt den Makro­kos­mos ‘Welt’ in den Mikro­kos­mos ‘Schu­le’! Wir wol­len den mün­di­gen Schü­ler, wir wol­len den Schü­ler, der team­fä­hig ist, der prä­sen­tie­ren kann – immer auf der Basis eines soli­den, nach­hal­ti­gen Grund­wis­sens.” (Home­page der Schu­le)

Wir durf­ten in zwei Dop­pel­stun­den Geschichts­un­ter­richt einer 8. und einer 10. Klas­se hos­pi­tie­ren. Die Stun­den­the­men behan­del­ten ‘Napo­le­on’ sowie die ‘Insti­tu­tio­nen der EU’.

Alle Schü­ler hat­ten in die­sen Unter­richts­stun­den ein iPad vor sich lie­gen. Die not­wen­di­gen Mate­ria­li­en wur­den über einen öffent­li­chen Blog zur Ver­fü­gung gestellt. Die Leh­rer wur­den auf die­se Wei­se zu Mode­ra­to­ren eigen­stän­di­ger Erkennt­nis­pro­zes­se. In der Klas­se wur­de ein mit Apple TV ver­bun­de­ner Bea­mer genutzt. Die Schü­ler konn­ten damit jeder­zeit, vom eige­nen Arbeits­platz aus und tech­nisch voll­kom­men pro­blem­los ihre Ergeb­nis­se vor der Klas­se prä­sen­tie­ren. Die­se Demo­kra­ti­sie­rung der Tafel bzw. des Bea­mers ent­spricht der gesam­ten Phi­lo­so­phie der Schu­le: Die digi­ta­le Tech­nik wird dazu genutzt, effek­tiv und krea­tiv, kol­la­bo­ra­tiv, eigen­ver­ant­wort­lich und komp­tenz­ori­en­tiert zu arbei­ten.

Aber in der Pra­xis funk­tio­niert das alles doch nicht?
Die tech­ni­sche Aus­stat­tung in der Real­schu­le am Euro­pa­ka­nal ist schlank, nahe­zu unsicht­bar und effek­tiv. Die Tablets gehö­ren den Schü­lern und funk­tio­nie­ren laut Aus­sa­gen von Leh­rern und Schü­lern seit vier Jah­ren pro­blem­los. Tech­ni­sche Aus­fäl­le sind sehr sel­ten. Das WLAN ist stark, gut geschützt und intel­li­gent auf­ge­baut (zu die­sem The­ma wird es in Kür­ze hier einen aus­führ­li­chen Bericht geben). Sowohl Leh­rer als auch Schü­ler bestä­tig­ten, dass Zeit­ver­lust durch tech­ni­sche Pro­ble­me eine abso­lu­te Aus­nah­me ist.

Miss­brauch, Mob­bing, Ablen­kung?
Das Netz in der Schu­le ist mit Restrik­tio­nen belegt. Eini­ge Sei­ten sind grund­sätz­lich gesperrt. Zudem wird das Surf-Ver­hal­ten der Schü­ler auf­ge­zeich­net. Die Schü­ler wis­sen das. Sie hal­ten sich an die Nut­zer­ver­ein­ba­run­gen, die sie mit der Schu­le geschlos­sen haben. In den ers­ten vier Jah­ren kam es nur zu einem Fall, der dis­zi­pli­na­risch geahn­det wer­den muss­te. Laut Aus­sa­ge der Leh­rer sind Pro­ble­me in den Nicht-Tablet-Klas­sen ver­brei­te­ter, da dort die Schü­ler deut­lich unkon­trol­lier­ter auf ihren Smart­pho­nes agie­ren.

Bei­spie­le für gelun­ge­nes (digi­ta­les) Ler­nen
Eini­ge weni­ge Unter­richts­bei­spie­le aus den bei­den Dop­pel­stun­den sol­len kurz skiz­ziert wer­den:

  • Erschlie­ßung von Kari­ka­tu­ren über die EU:
    Die Kari­ka­tu­ren fin­den sich im Blog. Mit Hil­fe einer App ver­se­hen die Schü­ler ein­zel­ne Ele­men­te der Kari­ka­tu­ren mit Kom­men­ta­ren, wei­te­ren Gra­fi­ken oder Vide­os. Meh­re­re Grup­pen prä­sen­tie­ren im Anschluss ihre Ergeb­nis­se vor der Klas­se. Die Qua­li­tät der Bei­trä­ge ist erstaun­lich hoch: Kom­ple­xe The­men, wie das der­zei­ti­ge Flücht­lings­dra­ma im Mit­tel­meer, wer­den dif­fe­ren­ziert prä­sen­tiert und in der Klas­se kon­tro­vers dis­ku­tiert.
  • Erar­bei­tung des Kon­zepts asym­me­tri­scher Krieg­füh­rung:
    Die Schü­ler ord­nen Aus­sa­gen über ‘regu­lä­re Trup­pen’ und ‘Gue­ril­la­kämp­fer’ auf einem anspre­chend gestal­te­ten Bild per drag and drop zu. Auf der einen Sei­te sind die Trup­pen Napo­le­ons zu sehen, auf der ande­ren Sei­te por­tu­gie­si­sche Gue­ril­le­ros. Am Ende gibt das Pro­gramm eine Rück­mel­dung über die Rich­tig­keit der Zuord­nung. Im anschlie­ßen­den Unter­richts­ge­spräch wird das Kon­zept gefes­tigt, auf unter­schied­li­che Epo­chen bezo­gen und mit heu­ti­gen Kriegs­tak­ti­ken ver­gli­chen.
  • Erschlie­ßung einer Info­gra­fik aus dem Jahr 1869:
    Die Schü­ler zie­hen per drag and drop Aus­sa­gen über den Russ­land­feld­zug auf die Gra­fik. Dabei schu­len sie ihr metho­di­sches Wis­sen und erschlie­ßen sich eigen­stän­dig grund­sätz­li­che Pro­ble­me und Fehl­schlä­ge des napo­leo­ni­schen Russ­land­feld­zu­ges. Auch hier wer­den die Ergeb­nis­se der jewei­li­gen Grup­pen mit­tels Bea­mer prä­sen­tiert, abge­gli­chen und dis­ku­tiert.
    Ohne die Mög­lich­keit, in die Gra­fik zu zoo­men und sie mit Infor­ma­tio­nen zu ver­se­hen, wäre die Gra­fik nicht sinn­voll im Unter­richt ein­setz­bar.

Fazit:
Es gibt sie, die Schu­len, die nicht von Beden­ken­trä­gern, son­dern von visio­nä­ren Prak­ti­kern geführt wer­den. Es ist mög­lich, Schu­le frei­er und anders zu den­ken. In Erlan­gen führt die­ses neue Den­ken zu deut­lich sicht- und wirk­sa­mer Schul­ent­wick­lung, die Aus­wir­kun­gen auf das gesam­te Schul­le­ben hat: Abschaf­fung des Stun­den-signals, Ein­füh­rung des Dop­pel­stun­den­prin­zips, kon­se­quen­te Nut­zung von Fach­räu­men, Arbeit an der papier­lo­sen Klas­se, Erwei­te­rung des Ange­bots zu fach­lich-metho­di­scher Arbeit, Inten­si­vie­rung und Demo­kra­ti­sie­rung der Unter­richts-kom­mu­ni­ka­ti­on.

Digi­ta­le Tech­nik allei­ne löst kei­ne Pro­ble­me. Digi­ta­le Tech­nik in Kom­bi­na­ti­on mit einem inno­va­ti­ven schu­li­schen Kon­zept, einer (fach-) didak­ti­schen Hin­ter­le­gung und einer päd­ago­gi­schen Beglei­tung hat hin­ge­gen die­ses Poten­ti­al.

Dabei unter­stützt digi­ta­les Ler­nen eben nicht nur für den Erwerb von Medi­en­kom­pe­tenz im All­ge­mei­nen, son­dern auch hoch­wer­ti­ge Lern­pro­zes­se in den jewei­li­gen Fächern.

Schließ­lich soll Mar­kus Böl­ling, der Rek­tor der Real­schu­le am Euro­pa­ka­nal, abschlie­ßend das Wort haben. Er äußert sich zu den The­men Tech­nik, digi­ta­ler Mehr­wert, Sozi­al­ver­träg­lich­keit, Con­tent und poli­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen:

Die gefähr­li­che Eksta­se der Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung — eine Pole­mik

Die gefähr­li­che Eksta­se der Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung — eine Pole­mik

Digi­ta­li­sie­rung als Chan­ce zur Unter­richts­ver­bes­se­rung wahr­neh­men wol­len — oder nicht?

Tablets im Unter­richt allein brin­gen kei­ne Ver­bes­se­rung der Bil­dung. Wer mit digi­ta­len Tech­ni­ken unter­rich­ten will, muss Inhalt, didak­ti­sches Kon­zept und Tech­nik zusam­men­füh­ren. Dar­an arbei­ten vie­le Leu­te in die­sem Land. Wer sich im OER-Bereich umsieht, wer die Ent­wick­lung des ers­ten mul­ti­me­dia­len und digi­ta­len Schul­buchs (mBook) in Deutsch­land ver­folgt hat, wer die Arbeit mit Lern­platt­for­men und mehr­ka­na­li­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­ge­bo­ten kennt, der weiß, wie inten­siv Leh­rer, Didak­ti­ker, Bil­dungs­for­scher, Tech­ni­ker und auch vie­le Bil­dungs­po­li­ti­ker an der Zukunft von Unter­richt und Schu­le arbei­ten. Wie schön wäre es, wenn es da ein wenig Zuspruch und Opti­mis­mus gäbe. Wenigs­tens Fair­ness wäre ange­bracht, auch und gera­de von den Leu­ten, die für öffent­li­che Debat­ten in die­sem Land beruf­lich Ver­ant­wor­tung tra­gen. Was wir jedoch oft­mals sehen und lesen, hat nichts mit Opti­mis­mus und Fair­ness zu tun, denn es gibt Pro­ble­me. Und offen­bar ist es zu reiz­voll, die­se Pro­ble­me für den satt­sam bekann­ten Erre­gungs­jour­na­lis­mus aus­zu­nut­zen. Jour­na­lis­ten tun das lei­der immer wie­der, und sie erge­hen sich dann mit­un­ter in einem simp­len Kri­ti­kas­ter­tum. Im letz­ten Cice­ro etwa wur­de eine angeb­li­che “Tablet-Eksta­se der Schul­po­li­tik” an den Pran­ger gestellt .

Digi­ta­li­sie­rung der Bil­dung als jour­na­lis­ti­sches The­ma
Abge­se­hen davon, dass man von Eksta­se nun wirk­lich nicht spre­chen kann, ange­sichts einer Hand­voll Modell- und Test­klas­sen, ist die Grund­hal­tung sol­cher Bei­trä­ge ein­fach nicht fair. Sicher funk­tio­niert nicht alles rei­bungs­los, sicher gibt es auch Gefah­ren. Aber, so sei erlaubt zu fra­gen: Wo gibt es Gefah­ren eigent­lich nicht im Leben – digi­tal wie ana­log? Auch bei Jour­na­lis­ten ist offen­bar ein fun­dier­te­rer Blick auf die spe­zi­fi­schen Nut­zungs­mög­lich­kei­ten didak­tisch und fach­in­halt­lich geform­ter Medi­en- und Digi­tal­an­ge­bo­te nötig. Dazu reicht es übri­gens nicht, den Abge­klär­ten zu geben, weil man einen Twit­ter-Account hat. Digi­ta­le und medi­en­päd­ago­gi­sche Ange­bo­te im Unter­richt haben inzwi­schen eben deut­lich mehr zu bie­ten als ein­fach nur die Ver­bin­dung mit dem Inter­net her­zu­stel­len. Und daher ist es eben auch viel zu kurz gesprun­gen, im Ton des gelang­weil­ten Bes­ser­wis­ser­tums pau­scha­le Ver­ur­tei­lun­gen vor­zu­neh­men. Der Ton stimmt gera­de bei Herrn Fül­ler nicht. Sein Bei­trag kann von Lesern, die sich nicht jeden Tag im Krei­se der Blog-Gemein­de bewe­gen, so ver­stan­den wer­den, als gehe es ihm vor allem dar­um, das dump­fe Unwohl­sein einer altern­den Gesell­schaft zu bedie­nen, für die das Inter­net “Neu­land” (A. Mer­kel) ist. Wie wer­den wohl tech­nik­skep­ti­sche Kol­le­gen an den Schu­len reagie­ren, wenn sie sol­che Bei­trä­ge lesen?
Und wer hat eigent­lich behaup­tet, dass die Digi­ta­li­sie­rung eine Erlö­sung ist? Bei Scho­pen­hau­er kann man ler­nen, wie man argu­men­tie­ren muss, um ande­re Leu­te in eine bestimm­te Ecke zu stel­len. Herrn Fül­lers Beweg­grün­de, der gegen die angeb­li­che “Tablet-Eksta­se” anschreibt und Orwell­sche Sze­na­ri­en an die Wand malt, sind mir nicht bekannt. Fül­ler inter­pre­tiert jeden­falls einen Bei­trag der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Sas­kia Esken zur digi­ta­len Bil­dung in einer gera­de­zu atem­be­rau­bend ver­dreh­ten Wei­se und unter­stellt ihr dabei recht unver­blümt Hybris, Kar­rie­ris­mus, Plan­lo­sig­keit. Doch abge­se­hen davon bleibt die Fra­ge, was jour­na­lis­ti­sches Gewar­ne und Geme­cke­re in Sachen Digi­ta­li­sie­rung mit den Her­aus­for­de­run­gen zu tun hat, vor denen wir ste­hen?

Bil­dungs­dis­kur­se als ver­gan­gen­heits­be­zo­ge­ne Pseu­do-Zukunft oder Visi­on des Neu­en?
Bil­dung ist wie Fuss­ball: Alle haben Ahnung, abends, auf dem Sofa sit­zend, beim Bier. Alle sind Bun­des­trai­ner. Pro­ble­ma­tisch ist nur, dass sich fast alle Leu­te dabei zuerst immer auf die eige­nen Schul­er­fah­run­gen bezie­hen, die nicht sel­ten Jahr­zehn­te zurück­lie­gen. Und weil Schu­le eben damals den Ziel- und Orga­ni­sa­ti­ons­vor­stel­lun­gen des Anstalts­staats ent­sprach, wird im ver­klä­ren­den Rück­blick die ‘gute alte Zeit’ in die Gegen­wart und Zukunft ver­län­gert. Nach dem Mot­to: ‘Was damals gut war, kann heu­te nicht schlecht sein!’ Sol­che Ein­stel­lun­gen müs­sen wir mit Opti­mis­mus und Hin­wen­dung ver­än­dern.
Wir kön­nen näm­lich nicht so tun, als lie­ße sich die Zukunft auf der Grund­la­ge von Fehl­schlüs­sen und Vor­ur­tei­len gewin­nen. Kann sein, dass sich man­che Mei­nungs­ma­cher, Ver­bands­ver­tre­ter und soge­nann­te ‘Bil­dungs­ex­per­ten’ nicht über den typisch deut­schen Kirch­turm­ho­ri­zont erhe­ben kön­nen. Frau Esken und der Bun­des­tags­aus­schuss Digi­ta­le Agen­da aber neh­men abseits und trotz die­ser Klein­geis­te­rei nicht nur den Reform­wil­len Hum­boldts auf, bei des­sen ach so neu­mo­di­schen Ide­en das Esta­blish­ment vor 200 Jah­ren auch geglaubt hat, der Unter­gang des Abend­lan­des müs­se bevor­ste­hen, die Leu­te in die­sem Aus­schuss wis­sen außer­dem, was in den moder­nen Natio­nen die­ser Welt in Sachen Bil­dung gera­de läuft.

Deut­scher Still­stand und inter­na­tio­na­le Ent­wick­lun­gen
Eine in wei­ten Tei­len unin­for­mier­te, bil­dungs­fer­ne und mit­un­ter schlicht absur­de Debat­te, wie sie hier, im Land der Rea­li­täts­ver­wei­ge­rer, geführt wird, löst nicht nur in den Boom-Län­dern Asi­ens, son­dern auch in vie­len unse­rer Nach­bar­län­der Kopf­schüt­teln aus. Man sehe sich die mil­li­ar­den­schwe­ren Digi­ta­li­sie­rungs­pro­gram­me in Süd­ko­rea oder der Tür­kei an. Man sehe auf das Bil­dungs­pro­gramm in Polen, wo digi­ta­le Schul­bü­cher in allen Fächern ent­wi­ckelt wer­den etc. Bei uns aber glau­ben man­che Dis­ku­tan­ten alles gesagt zu haben, wenn sie sich über eine ruckeln­de Sky­pe-Ver­bin­dung lus­tig machen kön­nen. Gewollt oder unge­wollt leis­tet man damit genau jenen Res­sen­ti­ments Vor­schub, die – nur etwas plum­per – mit dem Gere­de von der “digi­ta­len Demenz” (M. Spit­zer) bedient wer­den.

Unaus­ge­spro­che­ne Schein­ar­gu­men­te: die Ver­klä­rung der ana­lo­gen Schu­le
Über­dies: Ist denn die ana­lo­ge Schu­le das Non­plus­ul­tra? Ist die Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung ana­log erfolg­reich? Kann die ana­lo­ge Schu­le die Her­aus­for­de­run­gen der Inklu­si­on ohne tech­ni­schen Fort­schritt bewäl­ti­gen? Ermög­li­chen wir denn den Erwerb “intel­li­gen­ten Wis­sens” (F. E. Wei­nert), wenn wir dar­auf behar­ren, dass sich nichts ändern muss? Bekom­men wir in der ana­lo­gen Schu­le tat­säch­lich umfas­send gebil­de­te, kri­tik­fä­hi­ge, ergeb­nis­ori­en­tier­te, sozi­al­kom­pe­ten­te, selbst­or­ga­ni­sier­te Leu­te, die Ver­ant­wor­tung tra­gen wol­len und kön­nen? Mit sol­chen Fra­gen sind doch ganz schnell die Lebens­lü­gen des bis­he­ri­gen Schul­sys­tems mar­kiert. Sei’s drum! In die­sem Land haben die Ver­wal­ter das Sagen, die­je­ni­gen, für die Bil­dung etwas Sta­ti­sches ist, die­je­ni­gen, die ihre ‘Bil­dung’ mit jenem gym­na­sia­len Dün­kel ver­tei­di­gen wol­len, mit dem sie sich schon sei­ner­zeit, beim eige­nen Schul­be­such in der ‘Anstalt’, so woh­lig vom Rest der Welt abge­ho­ben haben. Das Resul­tat ist eine Stim­mung des Still­stands, der Angst vor dem Neu­en und der unqua­li­fi­zier­ten Abwehr guter Ide­en: Wir wol­len um nichts in der Welt etwas ändern am fron­tal geführ­ten Klas­sen­ver­band, der in iso­lier­ten Räu­men hockt, mit Tafel und Krei­de han­tiert, durch Fet­zen­stun­den­plä­ne gehetzt wird und den Nor­mie­rungs­vor­stel­lun­gen des Indus­trie­zeit­al­ters unter­liegt.

Der Bei­trag von Herrn Fül­ler arbei­tet an all die­sen The­men nicht. Er ist ledig­lich selbst­ge­recht, unfair und ver­ant­wor­tungs­los!